Iteration reellwertiger Funktionen

Wir betrachten eine reellwertige Funktion

f:RR,f:\mathbb{R}\longrightarrow\mathbb{R},

beispielsweise eine Proportionalität

f(x)=λx,f(x) = \lambda x,

und wählen einen Startwert x0x_0. Nun erzeugen wir rekursiv eine Folge mit

f1(x0)=f(x0)=x1f2(x0)=f(x1)=x2f3(x0)=f(x2)=x3xkfk(x0)=f(xk1)=xk\begin{align*} f^1(x_0) &= f(x_0) &= x_1\\ f^2(x_0) &= f(x_1) &= x_2\\ f^3(x_0) &= f(x_2) &= x_3\\ &\vdots &\vdots \phantom{x_k} \\ f^k(x_0) &= f(x_{k-1}) &= x_k \end{align*}

Diesen Vorgang nennen wir Iteration von ff mit Startwert x0x_0. Iterieren einer Funktion heisst also:

  1. Zu einem gegebenen Startwert x0x_0 den Funktionswert x1=f(x0)x_1=f(x_0) berechnen.
  2. den Wert x1x_1 als neuen Startwert nehmen und bei 1. fortfahren.
Definition 1: Orbit

Die Menge

{x0,x1,x2,}\{x_0,x_1,x_2,\dots\}

wird als Orbit oder Bahn von x0x_0 bezeichnet.

Example 1

Wir betrachten einige Beispiele.

f(x)=x2,x0=3f(x)=\frac{x}{2},\quad x_0=3\dots

Die Folge ist konvergent gegen 00. *

f(x)=3x,x0=1f(x)=3x,\quad x_0=1\dots

Die Folge divergiert. *

f(x)=x,x0f(x)=x,\quad x_0\dots

Hier haben wir lauter Fixpunkte. *

f(x)=x+c,x0f(x)=x+c,\quad x_0\dots

Wir haben fn(x)=x0+ncf^n(x)=x_0+n\cdot c, was im Allgemeinen divergiert. *

f(x)=x2f(x)=x^2

Dieses Beispiel ist interessant, da das Verhalten wesentlich vom gewählten Startwert x0x_0 abhängt. - Ist 1<x0<1-1<x_0<1, dann erhalten wir bei Iteration eine monoton fallende Zahlenfolge mit

limnxn=0.\lim_{n\to\infty}x_n=0.

Ferner fällt auf, dass ein negativer Startwert nach der ersten Iteration "ins Positive hüpft". - Gilt x0>1|x_0|>1, so divergiert die entsprechende Folge.

Exercise 1: Iteriere x^2

Betrachte für

f(x)=x2f(x)=x^2

die beiden Fälle x0=0x_0=0 und x0=1x_0=1. In welchen Zusammenhang könnten die Begriffe Repeller und Attraktor hier gebracht werden?

Solution

Für kNk\in\mathbb{N} ist fk(0)=0f^{k}(0)=0 und fk(1)=1f^{k}(1)=1, die beiden Werte sind also Fixpunkte von ff.

Exercise 2: Fixpunkte

Finde Fixpunkte der Iteration

f(x)=x22f(x)=x^2-2

und entscheide anschliessend, ob es sich um anziehende oder abstossende Fixpunkte handelt.

Solution

Mit der Fixpunktbedingung ergibt sich

x22=xx2x2=0x1,2=1±32\begin{align*} x^2-2 &= x\\ x^2-x-2 &= 0\\ x_{1,2} &= \frac{1\pm3}{2} \end{align*}

also sind die Fixpunkte 22 und 1-1. Ferner ist ein Fixpunkt xpx_p anziehend, falls f(xp)<1|f'(x_p)|<1. Hier ist f(x)=2xf'(x)=2x und damit ist keiner der beiden anziehend.

Example 2

Möchte man die Fixpunkte der Iteration

f(x)=x2f(x)=x^2

finden, so löst man einfach die entsprechende Bedingung,

f(x)=x,f(x)=x,

nach xx. In der Tat hier also x2x=0x^2-x=0, woraus unmittelbar die Lösungen x1=0x_1=0 und x2=1x_2=1 abgelesen werden können.

Anziehend oder abstossend?
Exercise 3

Wie könnte man nun entscheiden, ob ein Fixpunkt anziehend oder abstossend ist?

Solution

Die Attraktorbedingung für einen Fixpunkt xx^* einer Funktion ff ist f(x)<1|f'(x^*)|<1.

Proof

Beweis: Sei ff Lipschitz-stetig. Der Abstand zwischen xn+1x_{n+1} und xx^* ist xn+1x=f(xn)f(x)Lxnx|x_{n+1}-x^*|=|f(x_n)-f(x^*)|\leq L|x_n-x^*|. Nach Iteration hat man f(f(xn))xLf(xn+1)xL2xnx|f(f(x_n))-x^*|\leq L|f(x_{n+1})-x^*|\leq L^2|x_n-x^*|. Also ist xkxLkx0x|x_k-x^*|\leq L^k|x_0-x^*|. Ist L<1|L|<1 dann gilt Lk0L^k\to0 für kk\to\infty. Ist ff nicht Lipschitz-stetig, so kann man den Mittelwertsatz anwenden, wenn ff differenzierbar und stetig ist. Es ist xk+1x=f(xk)f(x)=f(ζ)(xkx)x_{k+1}-x^*=f(x_k)-f(x^*)=f'(\zeta)\cdot(x_k-x^*) mit ζ(xk,x)\zeta\in(x_k,x^*). Also betragsmässig f(xk)x=f(ζ)xkx|f(x_k)-x^*| = |f'(\zeta)|\cdot|x_k-x^*|, was für f(ζ)<1|f'(\zeta)|<1 den Abstand pro Iterationsschritt verkürzt.