Die Wahrscheinlichkeitsverteilung einer ZV

Wir beginnen mit der Definition der Wahrscheinlichkeitsfunktion.

Definition 1

Gegeben sei eine Zufallsvariable XX eines Zufallsexperiments, wobei XX die möglichen Werte x1,...,xrx_1, ..., x_r annehmen kann. Die Liste der Wahrscheinlichkeiten

p(X=x1),...,p(X=xr)p(X=x_1), ..., p(X=x_r)

nennt man die Wahrscheinlichkeitsfunktion von XX. Sie beschreibt, wie sich die Wahrscheinlichkeiten über die Ergebnisse x1,...,xrx_1,...,x_r verteilen.

Die Funktion

FX(x)=p(Xx)F_X(x)=p(X\leq x)

für jede reelle Zahl xx nennt man die kumulative Verteilungsfunktion von XX. FX(x)F_X(x) ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Zufallsvariable XX einen Wert von xx oder kleiner annimmt. Es ist somit die Wahrscheinlichkeit, dass ein Ausgang des Experiments den Wert x\leq x hat.

Note 1

Wo ist eigentlich die Funktion, welche im Namen Wahrscheinlichkeitsfunktion steckt? Sie wird oft nicht explizit gezeigt, ist aber wiefolgt definiert:

fX(x)={p(X=x)x{x1,...xr}0andernfallsf_X(x) = \begin{cases} p(X=x) & x\in \{x_1,...x_r\} \\ 0 & \text{andernfalls} \end{cases}

Es ist also zum Beispiel fX(x1)=p(X=x1)f_X(x_1)=p(X=x_1), und f(x)=0f(x)=0 für alle xx verschieden von den Werten x1,...,xrx_1,...,x_r.

Häufig zeichnen wir die Wahrscheinlichkeitsfunktion in ein Koordinatensystem, wobei die Werte x1,...,xrx_1, ..., x_r entlang der xx-Achse und die Wahrscheinlichkeiten p(X=x1),...,p(X=xr)p(X=x_1), ..., p(X=x_r) entlang der yy-Achse angegeben werden. Bei der kumulativen Verteilungsfunktion zeichnen wir, wie immer bei Funktionen, die xx-Werte entlang der xx-Achse und die Ausgabe p(X=x)p(X=x) entlang der yy-Achse. Hier ist ein Beispiel:

Exercise 1

Eine faire Münze wird zweimal geworfen. Die Zufallsvariable ist NN="Anzahl der Köpfe".

  1. Bestimme die Wahrscheinlichkeitsfunktion von NN, und zeichne die Verteilung in einem Koordinatensystem.

  2. Zeichne die kumulative Verteilungsfunktion fNf_N.

Solution

Die möglichen Werte von NN sind {0,1,2}\{0,1,2\}, wobei

N=0={ZZ}N=1={ZK,KZ}N=2={KK}\begin{array}{lll} N=0 &=& \{ZZ\}\\ N=1&=&\{ZK,KZ\}\\ N=2&=&\{KK\} \end{array}

Da es sich um ein Laplace-Experiment handelt, haben wir die folgende Wahrscheinlichkeitsfunktion von NN:

p(N=0)=14p(N=1)=24p(N=2)=14\begin{array}{lll} p(N=0) &=& \frac{1}{4}\\ p(N=1)&=&\frac{2}{4}\\ p(N=2)&=&\frac{1}{4} \end{array}

(siehe die Skizze unten).

Die kumulative Verteilungsfunktion FN(x)F_N(x) ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Anzahl der Köpfe gleich oder kleiner als xx ist. Zum Beispiel,

FN(0)=14FN(0.5)=14FN(1)=34FN(1.5)==34FN(2)=44FN(2.5)=44\begin{array}{lll} F_N(0) &=& \frac{1}{4}\\ F_N(0.5) &=& \frac{1}{4}\\ F_N(1)&=&\frac{3}{4}\\ F_N(1.5)=&=&\frac{3}{4}\\ F_N(2)&=&\frac{4}{4}\\ F_N(2.5)&=&\frac{4}{4}\\ \end{array}

Und so weiter. Der Graph bildet eine Treppe, wobei die Sprünge bei den Werten x=0,1x=0, 1 and 22 erfolgen. Siehe die Skizze unten rechts.

Da die Ereignisse X=x1,...X=xkX=x_1, ... X=x_k sich paarweise gegenseitig ausschliessen und eine Partition des Stichprobenraums SS bilden, haben wir die folgenden wichtigen Eigenschaften von Verteilungen:

Theorem 1

Es sei p(X=x1),...p(X=xr)p(X=x_1), ... p(X=x_r) die Wahrscheinlichkeitsfunktion einer Zufallsvariable XX. Es gilt:

  1. Für beliebige Werte von XX, etwa x1,x2x_1, x_2 und x3x_3 gilt

    p(X=x1X=x2X=x3)=p(X=x1)+p(X=x2)+p(X=x3)p(X=x_1 \cup X=x_2 \cup X=x_3) = p(X=x_1)+p(X=x_2)+p(X=x_3)
  2. Die Summe aller Wahrscheinlichkeiten der Verteilung ist 11:

    k=1rp(X=xk)=p(X=x1)+...+p(X=xr)=1\sum_{k=1}^r p(X=x_k)=p(X=x_1)+...+p(X=x_r)=1
  3. FX(x)F_X(x) ist die Summe aller Wahrscheinlichkeiten p(X=xk)p(X=x_k) mit xkxx_k\leq x. Wenn also für ein gegebenes xx gilt, dass genau die Werte x1,x2,x3xx_1, x_2, x_3 \leq x, dann ist

    FX(x)=p(X=x1)+p(X=x2)+p(X=x3)F_X(x)=p(X=x_1)+p(X=x_2)+p(X=x_3)
Proof

Der Beweis ist recht einfach.

  1. Dies folgt aus der Tatsache, dass sich die Ereignisse paarweise gegenseitig ausschliessen.

  2. Aus Aussage 1 und der Tatsache, dass die Vereinigung all dieser Ereignisse den Stichprobenraum SS bildet (da Partition), ergibt sich

    1=p(S)=p(X=x1...X=xr)=p(X=x1)+...+p(X=xr)\begin{array}{lll} 1 &=& p(S)\\ &=& p(X=x_1\,\cup\, ... \,\cup\, X=x_r)\\ &=& p(X=x_1)+...+p(X=x_r)\\ \end{array}
  3. Ergibt sich aus Aussage 11.

Exercise 2

Ein fairer Würfel wird zweimal gewürfelt. Betrachte die Zufallsvariable SS="Summe der beiden Zahlen".

  1. Bestimme die möglichen Werte von SS.

  2. Bestimme und zeichne die Wahrscheinlichkeitsfunktion von SS.

  3. Bestimme die kummulative Verteilungsfunktion FS(4)F_S(4).

  4. Zeichne den Graphen von FSF_S.

Solution

Der Stichprobenraum ist

+123456123456723456783456789456789105678910116779101112\begin{array}{l|ccccccc} + & 1 & 2 & 3 & 4 & 5 & 6 \\\hline 1 & 2 & 3 & 4 & 5 & 6 & 7 \\ 2 & 3 & 4 & 5 & 6 & 7 & 8 \\ 3 & 4 & 5 & 6 & 7 & 8 & 9 \\ 4 & 5 & 6 & 7 & 8 & 9 & 10 \\ 5 & 6 & 7 & 8 & 9 & 10 & 11 \\ 6 & 7 & 7 & 9 & 10 & 11 & 12 \\ \end{array}
  1. Die möglichen Werte von SS: {2,3,4,...,11,12}\{ 2,3,4,..., 11, 12\}

  2. Die Wahrscheinlichkeitsfunktion ist (Abbildung siehe unten)

    p(S=2)=136p(S=3)=236p(S=4)=336p(S=5)=436p(S=6)=536p(S=7)=636p(S=8)=536p(S=9)=436p(S=10)=336p(S=11)=236p(S=12)=136\begin{array}{lll} p(S=2)&=&\frac{1}{36}\\ p(S=3)&=&\frac{2}{36}\\ p(S=4)&=&\frac{3}{36}\\ p(S=5)&=&\frac{4}{36}\\ p(S=6)&=&\frac{5}{36}\\ p(S=7)&=&\frac{6}{36}\\ p(S=8)&=&\frac{5}{36}\\ p(S=9)&=&\frac{4}{36}\\ p(S=10)&=&\frac{3}{36}\\ p(S=11)&=&\frac{2}{36}\\ p(S=12)&=&\frac{1}{36} \end{array}
  3. Wir haben

    fS(4)=p(S4)=p(S=2)+p(S=3)+p(S=4)=636=16\begin{array}{lll} f_S(4)&=&p(S\leq 4)\\ &=&p(S=2)+p(S=3)+p(S=4)\\ &=&\frac{6}{36}=\frac{1}{6} \end{array}
  4. Der Graph von fSf_S ist unten dargestellt. Es hilft, die Punkte des Graphen zu berechnen, wo er springt:

    fS(2)=136fS(3)=336fS(4)=636fS(5)=1036fS(6)=1536fS(7)=2136fS(8)=2636fS(9)=3036fS(10)=3336fS(11)=3536fS(12)=3636=1\begin{array}{lll} f_S(2)&=&\frac{1}{36}\\ f_S(3) &=&\frac{3}{36}\\ f_S(4)&=&\frac{6}{36}\\ f_S(5)&=&\frac{10}{36}\\ f_S(6)&=&\frac{15}{36}\\ f_S(7)&=&\frac{21}{36}\\ f_S(8)&=&\frac{26}{36}\\ f_S(9)&=&\frac{30}{36}\\ f_S(10)&=&\frac{33}{36}\\ f_S(11)&=&\frac{35}{36}\\ f_S(12)&=&\frac{36}{36}=1\\ \end{array}
Exercise 3

Die Wahrscheinlichkeiten p(X=1)=x2p(X=1)=x^2, p(X=2)=3xp(X=2)=3x, p(X=3)=0.1p(X=3)=0.1 bilden die Wahrscheinlichkeitsfunktion einer Zufallsvariable XX. Bestimme den Wert xx und die Wahrscheinlichkeiten.

Solution

Wegen p(X=1)+p(X=2)+p(X=3)=1p(X=1)+p(X=2)+p(X=3)=1 folgt

x2+3x+0.1=1x^2+3x+0.1=1x2+3x0.9=0x^2+3x-0.9=0

Lösen wir die Gleichen nach xx auf (Mitternachtsformel), erhalten wir x1=3.27x_1=-3.27 und x2=0.275x_2=0.275. Da Wahrscheinlichkeiten <0<0 nicht möglich sind, müssen wir x1x_1 aus den Lösungen ausschliessen. Also p(X=1)=0.076p(X=1)=\underline{0.076}, und p(X=2)=0.824p(X=2)=\underline{0.824}.