Logistisches Wachstum bei Walen

Zur mathematischen Modellierung

Nach diesem theoretischen Teil geht es nun an einige konkrete Beispiele. Zum Einstieg in die diskrete Modellierung eignet sich meines Erachtens das folgende Walmodell. Weiter folgen etwas detaillierte Modelle (wie das während der CoV19-Pandemie bekannt gewordenen SIR-Model, dass Sie bei mir unter Masern finden), wobei man immer den Merksatz von George Box im Hinterkopf haben sollte:

All models are wrong, but some are usefull.

Anschliessend an dieses Skript zeige ich mit Hilfe von Vereinfachungen ausgehend vom Walbeispiel über die logistische Funktion bis zur Mandelbrotmenge einen Zusammenhang von deterministischem Chaos. Eine schöne Reise, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Dazu existiert aber meinerseits noch keine Skriptvariante, jedoch habe ich mit interaktiven Jupyter Notebooks diese schönen Einsichten illustriert. Wenn man nicht bei mir das Schwerpunktfach PAM oder Ergänzungsfach AM besucht, trotzdem aber reingucken möchte, dann empfehle ich als Einstieg dieses Video als Startpunkt. Ich versuche auch sukzessive Teile als Anhänge zu diesem Skript zu generieren. Der folgende Link startet ein für fortgeschrittene AM-ler empfehlenswertes Repetitionsmodul "das Burger-King-Problem") mit vielen Recaps und Anwendungen des Stoffs.

Rettet die Wale

Die Situation

Eine Population von ca. 1200 Grönlandwalen (bowhead whale, Balaena mysticetus) lebt in einem abgegrenzten Lebensraum des nördlichen Eismeeres (Nordpolarmeer). Da die Wale keine natürlichen Feinde haben und im bezeichneten Lebensraum ein reichhaltiges Nahrungsangebot vorfinden, werden sie sich zunächst exponentiell vermehren. Durch die Zunahme der Anzahl der Wale sinkt aber das Nahrungsangebot, da das als Nahrung dienende Plankton nicht in unbeschränktem Masse zur Verfügung steht. Das Eismeer bietet nur eine begrenzte Zahl GG von Grönlandwalen Lebensraum. Diese Zahl liegt nach Schätzungen bei 20000 Tieren.

Ein Modell

Bei Annäherung an die Sättigungsgrenze GG wird der Zuwachs der Wale abnehmen. Das Wachstum der Grönlandwalpopulation kann demnach im Anfangszustand, wenn der Bestand noch weit von der Sättigungsgrenze entfernt ist, als exponentielles Wachstum und im fortgeschrittenen Stadium, wenn sich der Bestand der Sättigungsgrenze nähert, als begrenztes Wachstum beschrieben werden. Die Vermehrung kann somit unter den genannten Rahmenbedingungen als .deflogistisches Wachstum modelliert werden:

Wn+1=Wn+r(GWn)Wn,W_{n+1}=W_n+r\cdot (G-W_n)\cdot W_n,

wobei WnW_n die Anzahl der Wale im Jahr nn, G=20000G=20000 die Sättigungsgrenze und W0=1200W_0=1200 die Anfangspopulation bezeichnet.

Exercise 1: Exponentielles und beschränktes Wachstum

Stelle exponentielles und beschränktes Wachstum als Folge/Iteration dar. Plausibilisiere anschliessend das logistische Wachstum als Kombination der beiden.

Solution

Beispielsweise so, in Varianten für das exponentielle Wachstum und das logistische.

  import matplotlib.pyplot as plt
  # Rekursive Funktion zur Berechnung des exponentiellen Wachstums
  def exponential_growth(n, rate, current_value=1):
    if n == 0:
        return current_value
    else:
        return exponential_growth(n-1, rate, current_value * rate)

  # Parameter
  n = 10  # Anzahl der Perioden
  rate = 1.5  # Wachstumsrate

  # Werte berechnen
  values = [exponential_growth(i, rate) for i in range(n+1)]

  # Werte plotten
  plt.plot(range(n+1), values, marker='o')
  plt.title('Exponentielles Wachstum')
  plt.xlabel('Perioden')
  plt.ylabel('Wert')
  plt.grid(True)
  plt.show()

  # Funktion zur Berechnung des logistischen Wachstums mit einem Parameter p
  def logistic_growth(n, G, x0, p):
    values = [x0]
    for i in range(n):
        x_next = values[-1] + p * (G - values[-1])
        values.append(x_next)
    return values

  # Parameter
  n = 10  # Anzahl der Perioden
  G = 100  # Kapazitaetsgrenze
  x0 = 10  # Anfangswert
  p = 0.1  # Wachstumskoeffizient

  # Werte berechnen
  values = logistic_growth(n, G, x0, p)

  # Werte plotten
  plt.plot(range(n+1), values, marker='o')
  plt.title('Logistisches Wachstum mit Parameter p')
  plt.xlabel('Perioden')
  plt.ylabel('Wert')
  plt.grid(True)
  plt.show()

Die Analyse

Naturschützer beobachten die Tiere und ermitteln, dass die Anzahl der Tiere im ersten Beobachtungsjahr um p=8p=8% wächst.

Exercise 2: Walpopulation

Stelle auf der Grundlage des iterativen logistischen Wachstumsmodells die Entwicklung der Grönlandwalpopulation für einen Zeitraum von 100 Jahren dar. pp ist aus dem Wachstumsfaktor des ersten Beobachtungsjahres zu berechnen. Stelle den Populationsumfang in Abhängigkeit der Jahre graphisch dar.

Solution

Mit der Wachstumsbeobachtung berechnen wir

W01.08=W0+pW0(GW0)0.08W0=pW0(GW0)p=0.08GW04.2553106\begin{align*} W_0\cdot1.08 &= W_0+pW_0(G-W_0)\\ 0.08W_0 &= pW_0(G-W_0)\\ p &= \frac{0.08}{G-W_0}\approx4.2553\cdot10^{-6} \end{align*}

Der Plot sieht damit singemäss so aus:

Exercise 3: Zuwachs

Welchen Einfluss haben der Anfangsbestand und der Wachstumsfaktor im ersten Beobachtungsjahr auf die Entwicklung der Walpopulation? Wann ist der Zuwachs am grössten?

Solution

Bezeichne ω\omega den Wachstumsfaktor im ersten Jahr. Es ist

p(ω,W0)=ωGW0p(\omega,W_0)=\frac{\omega}{G-W_0}

Also ist pp proportional zu ω\omega und wächst auch mit zunehmendem Anfangsbestand W0W_0.

Der Zuwachs der Iteration Wk+1=Wk+pWk(GWk)W_{k+1} = W_k+pW_k(G-W_k) ist am grössten, wenn pWk(GWk)=pWk2+pGWkpW_k(G-W_k)=-pW_k^2+pGW_k maximal ist. Da dies eine nach unten offene Parabel ist, suchen wir den Scheitelpunkt und erhalten Wk=pG2p=G2W_k=-\frac{pG}{-2p}=\frac{G}{2}. Also wenn die Population 1000010\,000 beträgt.

Exercise 4: Reglementierung

Das bisherige Modell berücksichtigt noch nicht den Walfang, der jedoch durch ein Walfangabkommen reglementiert werden soll.

Vorschlag 1 für ein Walfangabkommen gestattet, einen festen Prozentsatz des gegenwärtigen Bestandes der Walpopulation pro Jahr abzufischen.

Erstelle ein iteratives Wachstumsmodell, das eine Abfangquote von α=1\alpha=1% einbezieht. Erstelle eine Tabelle und einen Graphen für die Entwicklung der Walpopulation für 100 Jahre unter Einfluss der Abfangquote α=1\alpha=1%.

Experimentiere mit der Abfangquote α\alpha. Für welche Werte von α\alpha wächst die Walpopulation weiterhin, bei welchem Wert bleibt sie konstant und wann nimmt die Walpopulation ab und stirbt allmählich aus?

Solution

Eine Fangquote α\alpha liesse sich so modellieren:

Wk+1=(1α)Wk+p(1α)Wk(G(1α)WkW_{k+1}=(1-\alpha)W_k+p(1-\alpha)W_k(G-(1-\alpha)W_k

Betrachte, ohne den offensichtlichen Fixpunkt bei 00:

Wk=(1α)Wk+p(1α)Wk(G(1α)Wk1=(1+α)(1+pG)pa2Wkpa2Wk=(1+α)(1+pG)1Wk=(1+α)(1+pG)1(1α)2p\begin{align*} W_{k} &= (1-\alpha)W_k+p(1-\alpha)W_k(G-(1-\alpha)W_k\\ 1 &= (1+\alpha)(1+pG)-pa^2W_k\\ pa^2W_k &= (1+\alpha)(1+pG)-1\\ W_k &= \frac{(1+\alpha)(1+pG)-1}{(1-\alpha)^2p} \end{align*}

Den Fixpunkte finde ich bei Wk=(1α)(1+pG)1(1α)2)p17773W_k=\frac{(1-\alpha)(1+pG)-1}{(1-\alpha)^2)p}\approx17\,773

Exercise 5: Feste Fangzahl

Ein alternativer Vorschlag sieht ein Walfangabkommen vor, dass pro Jahr eine feste (absolute) Fangzahl erlaubt.

Erstelle wiederum auf der Grundlage der Eingangsdaten ein iteratives Wachstumsmodell, das die konstante Fangzahl von F=70F=70 einbezieht und setze dies ebenfalls in Tabelle und Graphik um.

Experimentiere mit der Fangzahl FF. Für welche Werte von FF wächst die Population weiterhin, wann bleibt die Population konstant und wann stirbt der Bestand aus?

SolutionWk+1=(Wk70)+p(Wk70)(G(Wk70))W_{k+1}=(W_k-70)+p(W_k-70)(G-(W_k-70))

Sei ff die Fangquote, und wir rechnen den Fixpunkt:

Wk=Wkf+p(Wkf)(G(Wkf))0=f+p(GWkWk2+fWkfG+fWkf2)0=pWk2+p(G+2f)Wk(f+p(fG+f2))Wk=p(G+2f)±p2(G+2f)24p(f+p(fG+f2))2p=p(G+2f)p2(G+2f)24p(f+p(fG+f2))2p\begin{align*} W_{k} &= W_k-f+p(W_k-f)(G-(W_k-f))\\ 0 &= -f+p(GW_k-W_k^2+fW_k-fG+fW_k-f^2)\\ 0 &= -pW_k^2+p(G+2f)W_k-(f+p(fG+f^2))\\ W_k &= \frac{-p(G+2f)\pm\sqrt{p^2(G+2f)^2-4p(f+p(fG+f^2))}}{-2p}\\ &= \frac{p(G+2f)\mp\sqrt{p^2(G+2f)^2-4p(f+p(fG+f^2))}}{2p} \end{align*}

Eingesetzt für f=70f=70 liefert dies ca. 1919919\,199.