Die Logistische Funktion

Recap des Walpopulationsmodells

Wir haben für die Entwicklung der Walpopulation ein Modell vom Character

Wk+1=Wk+ρWk(KWk),W_{k+1} = W_k+\rho W_k(K-W_k),

wobei WkW_k die Anzahl Wale zum Zeitpunkt kk, ρ>0\rho>0 einen Konstante, die unter anderem vom Wachstum der Population abhängig ist und KK die Kapazitätsgrenze der Populationsgrösse bezeichnen. Auf gym math gibts das Video zur Walpopulation auch zum Nachschauen.

Man kann nachrechnen, dass 00 und KK Fixpunkte dieses Iterationsmodells sind und für gewisse, vernünftige ρ\rho und KK der Fixpunkt 00 instabil und der Fixpunkt KK stabil ist.

Exercise 1: Stabile und instabile Fixpunkte

Rechne nach.

Solution

Siehe Wale.

Experimentiert man ein bisl, kann man beim Modell gucken, was passiert, wenn man seine Grenzen auslotet. Wir setzen das Modell noch mal auf. Dazu bestimmen wir zuerst den Parameter ρ\rho zu einem vermuteten Wachstum von q~=8%\tilde{q} = 8\% jährlich, Startwert W0=1200W_0 = 1'200 und Kapazitätsgrenze K=20000K = 20'000. Für rr berechnen wir den Wert 4.2551064.255\cdot10^{-6} und plotten.

Mit dem oben aus dem Kontext berechneten ρ\rho ergibt sich was wir erwarten: eine logstische Wachstumskurve mit Startwert 12001200 und Kapazitätsgrenze KK. Jetzt aber variieren statt wie im vorangegangenen Modul die Startwerte W0W_0 oder die Fangzahlenquoten den Parameter ρ\rho; und staunen:

Hier sieht man bloss, dass die Punkte mit fort laufender Iteration "nervös" hin und her springen. Gut ersichtlich ist der zeitliche Verlauf. Um aber die "Punkteverteilung" besser zu sehen, stellen wir auf Scatterplot um, welcher die Punkte nicht verbindet. In der Tat handelt es sich ja auch um einzelne, berechnete Punkte WkW_k, und nicht um stetige Funktionen.

Analyse

Funktionenschreibweise

Wir wollen für weitere Analysen nun weg von der iterativen Schreibweise hin zur Funktionenschreibweise. Dazu wird die Iteration linear skaliert und normiert, so dass nur noch ein Parameter übrig bleibt.

Exercise 2: Berechne im Modell

Gehe von der Iteration der Wale

Wk+1=Wk+ρWk(KWk)W_{k+1} = W_k+\rho W_k(K-W_k)

aus.

a) Zeige, dass daraus Wk+1=(1+ρK)WkρWk2W_{k+1} = (1+\rho K)W_k-\rho W_k^2 folgt.

b) Setze r:=1+ρKr := 1+\rho K und xk:=ρrWkx_k := \dfrac{\rho}{r}W_k und zeige, dass daraus die mit dem Parameter rr normierte Iterationsgleichung

xk+1=rxk(1xk)x_{k+1} = r\cdot x_k(1-x_k)

folgt.

Solution

In diesem Video, Wale zu logistische Funktion, wird der Inhalt obiger Übung noch einmal erläutert.

Die logistische Funktion

Wir arbeiten also jetzt mit der zugehörigen Funktion

fr(x)=rx(1x),f_r(x) = rx(1-x),

welche ich logistische Funktion nenne. Diese quadratische Funktion ist grundsätzlich auf ganz R\mathbb{R} definiert. Jetzt wird sich das Geschehen eine Weile um diese Funktion frf_r drehen.

Exercise 3: Nullstellen von f_r

Berechne die beiden Nullstellen von frf_r und beachte, dass diese unabhängig vom Parameter rr sind.

Solution

Aus fr(x)=!0f_r(x) \stackrel{!}{=} 0 folgt sofort x1=0x_1=0 und x2=1x_2=1.

Damit die Funktion "handlicher" wird, schränken wir erstmal den Definitionsbereich D\mathbb{D} der freien Variablen xx ein, was aber de facto wegen der Isomorphie R(0,1)\mathbb{R}\simeq(0,1) keiner Einschränkung im mathematischen Sinn gleich kommt. Wählen wir also D:=[0,1]\mathbb{D}:= [0,1]. Nun möchten wir die Wertemenge ebenfalls W=[0,1]\mathbb{W}=[0,1] haben.

Exercise 4: \mathbb{R} \cong (0,1)

Ein Isomorphismus ist vereinfacht gesagt eine bijektive Abbildung zwischen zwei Mengen. Findest du einen Isomorphismus φ:R(0,1)\varphi:\mathbb{R}\to(0,1)? Kannst du auch die Inversfunktion φ1\varphi^{-1} angeben?

Solution

Um einen Isomorphismus φ:R(0,1)\varphi:\mathbb{R}\to(0,1) zu finden, benötigen wir eine Funktion, die die unendliche Menge R\mathbb{R} auf das endliche, offene Intervall (0,1)(0,1) abbildet.

Eine mögliche Inversfunktion ist

φ(x)=1π(arctan(x)+π2).\varphi(x) = \frac{1}{\pi} \left(\arctan(x) + \frac{\pi}{2}\right).

Eine andere gängige Bijektion ist die logistische Funktion φ(x)=11+ex\varphi(x) = \frac{1}{1+e^{-x}}.

Exercise 5: [0,1]

Wieso wollen wir W=[0,1]\mathbb{W}=[0,1]?

Solution

Damit die Funktion beliebig oft iterierbar wird.

Exercise 6: Parameter Einschränkung

Für welche Werte von rr gilt sicher W=[0,1]\mathbb{W}=[0,1]?

Solution

0<r<40<r<4 erfüllt die Bedingung, wenn man den Scheitelwert, der bei 0.50.5 liegt, betrachtet.

Wiederum ist es an der Zeit für etwas Action. Lassen wir einige Orbits zu ausgewählten rrs plotten. Wir installieren die logistische Funktion frf_r und schreiben eine Funktion, die uns für die logistische Funktion frf_r mit Startwert x0x_0 einen Orbit generiert.

Da die Funktion mit D=[0,1]\mathbb{D}=[0,1] für 0<r<40<r<4 uneingeschränkt iteriert werden kann, schauen wir uns ein paar Beispiele an. Unten sind die Plots für r=1.7,2.8,3.3,3.7r=1.7,2.8,3.3,3.7. Man vergleiche mit dem Walmodell.

Exercise 7: Vergleiche mit den Walen

Welchen rr-Werten entsprächen obige Plots den im Walmodell gezeigten Plots?

Solution

Es gilt r=1+ρKr = 1 + \rho K. Man liest im Walmodell die Werte von ρ\rho und KK ab.

Fixpunkte von frf_r

Exercise 8: Fixpunkte von f_r

Bestimme die Fixpunkte der logistischen Funktion

fr(x)=rx(1x).f_r(x) = rx(1-x).
Solution

x=!rx(1x)x \stackrel{!}{=} rx(1-x) liefert x1=0x_1=0 und x2=11rx_2=1-\frac{1}{r}.

Werte von r

0<r<1

Ich verwende die Funktionen- und die Iterationsschreibweise grad passend für meine Argumentationslinie, welche aber in jedem Fall mit beiden Ansätzen vollzogen werden kann. Dieser Fall, wenn 0<r<10<r<1 ist, lässt sich bequem handhaben. Man kann zudem 0r<10\leq r<1 nehmen, da die Fixpunktbedingung über diesen Bereich gelten. Die Iterationsfolge konvergiert für jeden Startwert x0x_0, da man xkx_k nach oben abschätzen kann. Betrachte:

xk=rxk1(1xk1)<rxk1<r2xk2<<rkx0,x_k = rx_{k-1}(1-x_{k-1}) < rx_{k-1} < r^2x_{k-2} < \dots < r^kx_0,

was wegen 0r<10 \leq r<1 klar gegen 00 geht:

limkrkx0=0.\lim_{k\to\infty}r^kx_0 = 0.

Also konvergiert die Iterationsfolge für diese rr für jeden Startwert x0x_0 gegen den Fixpunkt 00.

Exercise 9: Attraktorbereich

Bestimme die Bereiche für rr, für welche die beiden Fixpunkte (nota bene 1. Ordnung) attaktiv sind.

Solution

Die Attraktorbedingung fr(x)=2rx+r<1|f'_r(x)| = |-2rx+r| < 1 liefert fr(0)=r<1|f'_r(0)| = |r| < 1 und fr(11r)=r+2<1|f'_r(1-\frac{1}{r})| = |-r+2| < 1. Also 0<r<10<r<1 im ersten und 1<r<31<r<3 im zweiten Fall.

Einschub Fixpunktlemma

Es gilt:

Theorem 1

Seien f:DWf:\mathbb{D}\to\mathbb{W} mit WDR\mathbb{W}\subset\mathbb{D}\subset\mathbb{R}, sowie x0Dx_0\in \mathbb{D} und xk=f(xk1)kNx_k=f(x_{k-1})\quad\forall k\in\mathbb{N}. Wenn die Iterationsfolge <xk><x_k> gegen xpx_p konvergiert, dann ist xpx_p ein Fixpunkt von ff.

Proof

Konvergiere <xk><x_k> gegen xpx_p, d.h. limkxk=xp\lim_{k\to\infty}x_k = x_p, dann folgt

xp=limkxk=limkf(xk1)=f(xp).x_p = \lim_{k\to\infty}x_k = \lim_{k\to\infty}f(x_{k-1}) = f(x_p).

Die Umkehrung im Allgemeinen nicht.

Exercise 10: Gegenbeispiel

Finde ein Gegenbeispiel, in dem die Umkehrung nicht gilt.

Solution

Für f(x)=2x1f(x) = 2x-1 ist x=1x^*=1 ein Fixpunkt, aber die Folge mit Startwert x0=1.1x_0 = 1.1 konvergiert nicht gegen 11.

Da wir uns aber für die Umkehrung - oder zumindest eine abgeschwächte Form davon - interessieren, sind wir etwas vorsichtig. Wir formulieren folgenden Satz.

Theorem 2

Sei IDI\subset\mathbb{D} ein Intervall und ff habe in II genau einen Fixpunkt xpx_p. Ferner gebe es ein MM mit 0<M<10<M<1 für das f(x)<MxI|f'(x)| < M \quad \forall x\in I. Dann gilt für jede Iteration mit Startwert x0Ix_0\in I:

Die Folge xk\langle x_k\rangle konvergiert und der Grenzwert ist ihr Fixpunkt xpx_p.

Proof

Der Beweis wurde bereits zu Beginn der Iterationen einmal illustiert.

Wenn wir uns für Startwerte x0x_0 interessieren, welche anziehend sind, für welchen Bereich lassen wir dann Startwerte zu, wenn wir den obigen Satz berücksichtigen?

Exercise 11: Attraktorbereich

Zeige, dass wir die Startwerte im Bereich (r12r,r+12r)(\frac{r-1}{2r},\frac{r+1}{2r}) haben wollen.

Solution

Die Bedingung fr(x)<1|f_r'(x)| < 1 liefert mit Lösung durch Fallunterscheidung nach xx das "Attraktorintervall".

Attraktorwerte von frf_r

Exercise 12: Plot Attraktoren

Bestätige, dass der Graph der attraktiven Fixpunkte der logistischen Funktion frf_r für die Parameterwerte 0<r<30<r<3 wie folgt aussehen muss:

Wir haben also noch durch obigen Satz so was wie ein "sicheres" Attraktorintervall

Ir:=(1212r,12+12r)I_r := \left(\frac{1}{2}-\frac{1}{2r},\frac{1}{2}+\frac{1}{2r}\right)

erhalten.

Betrachtet man für 0<r<10<r<1 den attraktiven Fixpunkt xp=0x_p=0, so konvergiert wegen [0,1]Ir[0,1]\subset I_r die Iterationsfolge für jeden Startwert x0x_0 gegen 00. Die Population stirbt immer aus.

Erstaunlich, wie rasch diese Folgen jeweils gegen 00 gehen!
Interessanter wird es jetzt für 1<r<31 < r < 3, da dort der Wert des Fixpunktes für jedes rr via xp=11rx_p = 1-\frac{1}{r} berechnet wird; also individuell ist. Ich beziehe mich auf das Beispiel r=1.4r = 1.4 weiter oben, von dem wir bereits einen Plot zum Startwert 0.50.5 haben. Für diesen Fall finden wir also den Fixpunkt bei xp=0.2857x_p=0.2857. Für das attraktive Startwertintervall rechnen wir In=(0.142857142857142850.8571428571428572)I_n = ( 0.14285714285714285 | 0.8571428571428572 ).

Zweimal sind wir ausserhalb des sicheren Attroktorbereichs gestartet, trotzdem sind wir beim Fixpunkt gelandet. Das bedeutet, dass sich vielleicht dieser Attraktorbereich noch weiter fassen lässt.

Was passiert für r>3r>3?

Klar ist, dass für r>3r>3 die beiden Fixpunkte nicht mehr attraktiv sind; sie sind aber natürlich nach wie vor "da". Wenn man oben die Walplots anschaut, so legt ρ=0.98104\rho=0.98\cdot 10^{-4} den Verdacht nahe, dass Fixpunkte zweiter Ordnung existieren könnten. Daher lösen wir folgende

Exercise 13: Fixpunkte der Ordnung 2

Suche Fixpunkte zweiter Ordnung. Verwende Polynomdivision, um die Fixpunkte erster Ordnung aus der Bedingung "rauszudividieren" und so die "reinen" Fixpunkte der Ordnung 22 zu erhalten.

Solution

Im Video Fixpunkte von frf_r der Periode 2 wird alles erläutert.

Wir kriegen also nebst xp1=0x_{p1} = 0 und xp2=11rx_{p2} = 1-\frac{1}{r} nun zusätzlich

xp3,p4=(r+1)±(r+1)(r3)2rx_{p3,p4} = \frac{(r+1)\pm\sqrt{(r+1)(r-3)}}{2r}

was die Frage aufwirft

Exercise 14: Stabile Fixpunkte der Ordnung 2

Gibt es einen Bereich für rr, in dem diese Fixpunkte der Ordnung 22 stabil sind? Vermutlich ja, wenn man die folgenden Plots anschaut. Dabei habe ich mit den Startwerten x0x_0 gespielt.

Solution

Im Video Fixpunkte von frf_r der Periode 2 wird alles erläutert.

Exercise 15: Fixpunktwerte der Ordnung 2

Rechne die Fixpunkt-Werte nach.

Solution

Mit Polynomdivision dividiert man die Fixpunkte der ersten Ordnung raus und löst dann die übrig gebliebene quadratische Gleichung.

Exercise 16

Finde den Attraktivitätsbereich für rr für die Fixpunkte zweiter Ordnung.

Solution

Seien x3x_3 und x4x_4 Fixpunkte der Ordnung 2 von frf_r. Dann verwendet man am einfachsten die Beziehung (fr(fr(x3)))=f(x3)f(x4)(f_r(f_r(x_3)))' = f'(x_3)\cdot f'(x_4), die man leicht mit der Kettenregel einsieht. Es ist ein schönes Resultat von Nagashima/Baba aus dem Jahr 1999.

Es folgt damit dann, dass x3,x4x_3,x_4 für 3<r<1+63 < r < 1+\sqrt{6} stabil sind.

Weitere Fixpunkte sind nicht mehr lustig zum Rechnen. Man stellt rasch fest, dass der Aufwand von Hand höhere Fixpunkte auszurechnen ins Astronomische steigt.

Note 1

Mit einer Induktion zeige man nun, dass analog zu oben dieselbe Aussage für Fixpunkte der Periode kk gilt. Das heisst:

Alle Fixpunkte eines kk Orbits haben dieselbe Steigung, werden also alle gleichzeitg stabil oder instabil.

(Von den Walen zur logistischen Funktion)