Juliamengen

Seit man Juliamengen auf dem Computer berechnen kann, sind Postkarten und Poster mit den farbig schillernden Gebilden sehr beliebt.

Wir beginnen mit einem einfachen Rezept, das man beispielsweise programmieren kann. Es lautet folgendermassen:

  1. Nimm eine komplexe Zahl. (Diese Zahl nennen wir den Startwert.) z0=cz_0=c
  2. Quadriere diese Zahl und subtrahiere 11 von der quadrierten Zahl. z1=c21z_1 = c^2-1
  3. Nimm die so entstandene neue Zahl und wiederhole die Schritte 2.2. und 3.3. bis in alle Unendlichkeit ... zk+1=zk21,z0=cz_{k+1}=z_k^2-1,\quad z_0=c

Wenn man dieses Rezept wirklich programmieren wollte, müsste natürlich noch eine Abbruchbedingung eingebaut werden.

Example 1

Als Startwert nehmen wir die Zahl 22. Wir schreiben z0=2z_0 = 2. Damit drücken wir aus, dass 22 der Startwert unserer Zahlenfolge ist. Nach dem Rezept sollen wir 22 nun quadrieren und anschliessend 11 abziehen. Dadurch erhalten wir 221=41=32^2 - 1 = 4 - 1 = 3. Diesen neuen Wert nennen wir z1z_1. Es ist also z1=3z_1 = 3. Gemäss dem Rezept sollen wir nun wieder den zweiten und dritten Schritt ausführen, diesmal mit der Zahl 33 statt 22. Wir erhalten 321=91=83^2 -1 = 9-1 = 8. Diese Zahl nennen wir z2z_2. Es ist also z2=8z_2 = 8. Wir können nun immer weiter fortfahren und erhalten neue Zahlen z3,z4,z5z_3, z_4, z_5, usw. Insgesamt erhalten wir eine Zahlenfolge z0,z1,z2,z3,z4,z5,z_0, z_1, z_2, z_3, z_4, z_5,\dots.

Exercise 1

Berechne mit dem TR die Folgeglieder z3z_3 bis z6z_6.

Solution

Aus z2=8z_2=8 folgt: z3=821=63z_3 = 8^2 - 1 = 63 z4=6321=3968z_4 = 63^2 - 1 = 3968 z5=396821=1572863z_5 = 3968^2 - 1 = 1572863 z6=157286321=2479999992066z_6 = 1572863^2 - 1 = 2479999992066

Wir können die Zahlenfolge, die auf diese Weise entsteht, durch eine Rechenvorschrift angeben:

z0=2,zk+1=zk21n0z_0 = 2,\quad z_{k+1} = z_k^2-1\quad\forall n\geq0

Wie wir gesehen haben, werden bei der Folge oben die Folgeglieder immer grösser. Ist das immer so? Was passiert, wenn wir statt 22 einen anderen Startwert z0z_0 wählen?

Exercise 2: Verschiedene Startwerte

Berechne für folgende Startwerte z1z_1 bis z4z_4.

a) z0=0z_0=0

b) z0=1+iz_0=1+\mathrm{i}

c) z0=12z_0=\frac{1}{2}

Berechne auch die Folge der Beträge.

Solution

a) z0=0z_0=0: z1=021=1z_1 = 0^2 - 1 = -1, z1=1|z_1|=1 z2=(1)21=0z_2 = (-1)^2 - 1 = 0, z2=0|z_2|=0 z3=021=1z_3 = 0^2 - 1 = -1, z3=1|z_3|=1 z4=(1)21=0z_4 = (-1)^2 - 1 = 0, z4=0|z_4|=0 Die Werte wechseln periodisch zwischen 00 und 1-1 (Beträge zwischen 00 und 11).

b) z0=1+iz_0 = 1+\mathrm{i}: z1=(1+i)21=(1+2i1)1=2i1z_1 = (1+\mathrm{i})^2 - 1 = (1+2\mathrm{i}-1) - 1 = 2\mathrm{i} - 1, z1=(1)2+22=5|z_1| = \sqrt{(-1)^2+2^2}=\sqrt{5} z2=(1+2i)21=(144i)1=4i4z_2 = (-1+2\mathrm{i})^2 - 1 = (1 - 4 - 4\mathrm{i}) - 1 = -4\mathrm{i} - 4, z2=(4)2+(4)2=32|z_2| = \sqrt{(-4)^2 + (-4)^2} = \sqrt{32} z3=(44i)21=(16+32i16)1=32i1z_3 = (-4-4\mathrm{i})^2 - 1 = (16 + 32\mathrm{i} - 16) - 1 = 32\mathrm{i} - 1, z3=(1)2+322=1025|z_3| = \sqrt{(-1)^2 + 32^2} = \sqrt{1025} Die Beträge steigen stark an.

c) z0=12z_0 = \frac12: z1=(12)21=141=34z_1 = \left(\frac12\right)^2 - 1 = \frac14 - 1 = -\frac34, Betrag 34\frac34 z2=(34)21=9161=716z_2 = \left(-\frac34\right)^2 - 1 = \frac{9}{16} - 1 = -\frac{7}{16}, Betrag 716\frac{7}{16} z3=(716)21=492561=207256z_3 = \left(-\frac{7}{16}\right)^2 - 1 = \frac{49}{256} - 1 = -\frac{207}{256}, Betrag 207256\frac{207}{256} z4=(207256)21=42849655361=2268765536z_4 = \left(-\frac{207}{256}\right)^2 - 1 = \frac{42849}{65536} - 1 = -\frac{22687}{65536}, Betrag <1<1 Die Beträge bleiben kleiner als 11.

Wenn man weitere Startwerte wählt, stellt man fest, dass neue Folgen entstehen. Manche pendeln zwischen einigen wenigen Werten hin und her, manche werden betragsmässig immer grösser, und bei manchen scheinen die Beträge der Zahlen einen bestimmten Wert nie zu überschreiten, selbst wenn sie nicht nur zwischen zwei Werten hin und her schwanken.

Wir benutzen nun unsere Zahlenfolgen, um die Punkte der Gauss'schen Zahlenebene auf eine bestimmte Art und Weise zu färben. Dabei gehen wir nach folgendem Schema vor:

Nach und nach führen wir dies mit allen Punkten der Gauss'schen Zahlenebene durch. Wir erhalten so ein schwarz-weisses Muster. Alle weissen Punkte in der Ebene zusammen sind eine Juliamenge! Und so sieht sie aus:

Weitere Juliamengen

Es gibt nicht nur eine Juliamenge, sondern unendlich viele verschiedene. Sehen wir uns doch noch einmal die Rechenvorschrift an, die zu unserer Juliamenge gehört. Zu einem Startpunkt z0z_0 haben wir die Folgenglieder der zugehörigen Folge berechnet durch

zk+1=zk21n0z_{k+1} = z_k^2-1 \quad \forall n \geq 0

Wir haben vom Quadrat eines Folgenglieds immer 11 abgezogen. Oder anders ausgedrückt: 1-1 dazu addiert. Jetzt wollen wir die Rechenvorschrift ein wenig abändern: Wir addieren nicht mehr 1-1 dazu, sondern 12i\frac{1}{2}\mathrm{i}. Wir berechnen dann zu einem Startpunkt z0z_0 die Folgenglieder der zugehörigen Folge durch die Vorschrift

zk+1=zk2+12in0z_{k+1} = z_k^2+\frac{1}{2}\mathrm{i} \quad \forall n \geq 0

Danach gehen wir ganz genauso vor wie im ersten Beispiel: Wir färben einen Punkt der Ebene schwarz, wenn die Beträge der zugehörigen Folgenglieder über alle Grenzen anwachsen, und andernfalls weiss. Dadurch erhalten wir wieder eine Juliamenge. Sie sieht so aus:

Note 1

Dieses Bild wurde mit Mathematica erzeugt:

    Julia[zo_] := Module[{z = zo, i = 0},
      While[i < 100 && Abs[z] < 2,
        z = z^2 + c; i++]; i]; c = 0.5*I;
      DensityPlot[Sqrt[Julia[x + I y]],
        {x, -1.5, 1.5}, {y, -1.5, 1.5},
        PlotPoints -> 275, Mesh -> False,
        Frame -> False, ColorFunction -> Hue]

Auf diese Weise können wir unendlich viele Juliamengen erzeugen. Die allgemeine Formulierung der Rechenvorschrift, mit der wir zu einem Startpunkt z0z_0 die Folgenglieder der zugehörigen Folge berechnen, lautet

zk+1=zk2+c,n0z_{k+1} = z_k^2+c, \quad \forall n \geq 0

wobei cc eine komplexe Zahl sein soll. Für jede komplexe Zahl cc erhalten wir eine Juliamenge.