Mittelwert und Standardabweichung von ZVen

Zufallsvariablen nehmen nach jeder Durchführung eines Experiments einen zufälligen Wert an. Zum Beispiel, werfen wir eine Münze dreimal, und ist NN die Zufallsvariable, welche für die Anzahl Köpfe steht, so nimmt NN nach jeder Durchführung des Experiments (dreimal würfeln), eine der Zahlen 0,1,20,1,2 oder 33 an. Wir bekommen also eine Datenreihe, für jede Durchführung des Experiments einen Datenpunkt, etwa

0,0,1,3,0,2,2,2,1,3,0,3,3,2,...0,0,1,3,0,2,2,2,1,3,0,3,3,2,...

Was ist der Mittelwert dieser Datenreihe, und was die Standardabweichung? Diese Masse sind interessant, da sie helfen, die Zufallsvariable NN weiter zu charakterisieren. Zum Beispiel, ändert sich der Mittelwert und die Standardabweichung, falls die Münze gezinkt ist, und falls ja, wie genau?

Wir zeigen nun Anhand eines (anderen, einfacheren) Beispiels auf, wie der Mittelwert und die Standardabweichung einer Zufallsvariablen berechnet werden kann. Wie wir sehen werden, brauchen wir dazu die Wahrscheinlichkeitsfunktion der Zufallsvariable.

Example 1

Betrachten wir eine Kiste mit Melonen verschiedener Grössen, die entweder 1Fr1 Fr, 2Fr2 Fr oder 5Fr5 Fr kosten. Das Zufallsexperiment besteht darin, eine Melone zufällig auszuwählen, und wir definieren die Zufallsvariable CC="Kosten der Melone". Nehmen wir an, die Wahrscheinlichkeit sind

p(C=1)=0.4p(C=2)=0,35p(C=5)=0,25\begin{array}{lll} p(C=1)&=&0.4\\ p(C=2)&=&0,35\\ p(C=5)&=&0,25 \end{array}

Jedes Mal, wenn wir das Experiment durchführen, wird CC also einen anderen Wert haben, entweder C=1C=1 oder C=2C=2 oder C=5C=5. Wenn wir dieses Experiment sehr oft wiederholen, wie viel müssen wir dann im Durchschnitt für eine Melone bezahlen?

Nun, der Prozentsatz der Fälle, in denen wir eine 1Fr1 Fr-Melone auswählen, ist durch die Wahrscheinlichkeit p(C=1)p(C=1) gegeben, und ähnlich, p(C=2)p(C=2) ist der Prozentsatz der Fälle, in denen wir eine 2Fr2 Fr-Melone auswählen, und p(C=5)p(C=5) ist der Prozentsatz der Fälle, in denen wir eine 5Fr5 Fr-Melone auswählen. Wir haben also (siehe vorheriges Kapitel)

μ=p(C=1)1Fr+p(C=2)2Fr+p(C=5)5Fr=0,41Fr+0,352Fr+0,255Fr=2,35Fr\begin{array}{lll} \mu&=&p(C=1)\cdot 1 Fr + p(C=2)\cdot 2 Fr + p(C=5)\cdot 5 Fr\\ &=& 0,4\cdot 1 Fr + 0,35\cdot 2 Fr + 0,25\cdot 5 Fr\\ &=& 2,35 Fr \end{array}

Beachte, dass wir den Mittelwert einer Zufallsvariablen nun mit μ\mu ("mu") bezeichnen. Dies ist typisch für den Mittelwert von Zufallsvariablen. Wir können auch die Standardabweichung all dieser Kosten berechnen (siehe wieder den vorherigen Abschnitt).

σ=p(C=1)(12.35)2+p(C=2)(22.35)2+p(C=5)(52.35)2=0.4(12.35)2+0.35(22.35)2+0.25(52.35)2=1,59Fr\begin{array}{lll} \sigma &=&\sqrt{p(C=1)\cdot (1-2.35)^2 + p(C=2)\cdot (2-2.35)^2 + p(C=5)\cdot (5-2.35)^2}\\ &=& \sqrt{0.4\cdot (1-2.35)^2 + 0.35\cdot (2-2.35)^2 + 0.25\cdot (5-2.35)^2}\\ &=& 1,59 Fr \end{array}

Beachte, dass wir σ\sigma ("sigma") für die Standardabweichung von Zufallsvariablen benutzen. Im Durchschnitt liegen die Kosten also bei 2.35Fr2.35 Fr pro ausgewählter Melone. Die typische Abweichung pro Auswahl von diesem Wert beträgt 1.59Fr1.59 Fr. Diese Werte sind nur dann exakt, wenn das Experiment unendlich oft durchgeführt wird, da die Wahrscheinlichkeiten ansonsten nur eine Annäherung an die Prozentsätze sind.

Fassen wir zusammen:

Summary 1

Betrachte eine Zufallsvariable XX eines Zufallsexperiments, mit der Wahrscheinlichkeitsfunktion

p(X=x1),...,p(X=xr)p(X=x_1), ..., p(X=x_r)

Jedes Mal, wenn wir das Experiment durchführen, nimmt XX einen der Werte x1,...,xrx_1,...,x_r an. Wenn wir das Experiment viele Male (unendlich oft) durchführen, können wir den Mittelwert μ\mu und Standardabweichung σ\sigma all dieser Werte berechnen:

μX=p(X=x1)x1+...+p(X=xr)xr\mu_X =p(X=x_1)\cdot x_1+...+p(X=x_r)\cdot x_r

und

σX=p(X=x1)(x1μ)2+...+p(X=xr)(xrμ)2\sigma_X =\sqrt{p(X=x_1)\cdot(x_1-\mu)^2+...+p(X=x_r)\cdot (x_r-\mu)^2}

Der Mittelwert wird auch Erwartungswert von X genannt und wird oft auch mit μX\mu_X oder E[X]E[X] bezeichnet. Die Standardabweichung von X wird auch mit σX\sigma_X bezeichnet. Die Varianz von X ist einfach das Quadrat der Standardabweichung, und wird mit σX2\sigma_X^2 oder Var[X]Var[X] bezeichnet.

Interpretation von μX\mu_X und σX\sigma_X: μX\mu_X ist der (langfristige) Durchschnittswert von XX pro Experiment, und die typische Abweichung pro Experiment von diesem Durchschnitt ist σX\sigma_X.

Exercise 1

Eine faire Münze wird zweimal geworfen. Bei zwei Köpfen bekommen wir 2Fr2 Fr, bei einem Kopf nur 1Fr1 Fr und bei keinem Kopf bekommen wir nichts. Wie hoch ist der durchschnittliche Gewinn pro Spiel? Und wie hoch ist die typische Abweichung pro Spiel von diesem Durchschnitt?

Solution

Wir definieren die Zufallsvariable WW="Gewinn in Fr". Die Wahrscheinlichkeitsfunktion von WW ist

p(W=2)=p(HH)=14p(W=1)=p(HT,TH)=24p(W=0)=p(TT)=14\begin{array}{lll} p(W=2)&=&p({HH})=\frac{1}{4}\\ p(W=1)&=&p({HT, TH})=\frac{2}{4}\\ p(W=0)&=&p({TT})=\frac{1}{4}\\ \end{array}

Der Mittelwert des Gewinns ist

μW=142Fr+241Fr+140Fr=1Fr\mu_W = \frac{1}{4}\cdot 2 Fr + \frac{2}{4}\cdot 1 Fr + \frac{1}{4}\cdot 0 Fr = \underline{1 Fr}

und die Standardabweichung davon ist

σW=14(21)2+24(11)2+14(01)2Fr=0.5=0.707Fr\begin{array}{lll} \sigma_W &=& \sqrt{\frac{1}{4}\cdot (2-1)^2 + \frac{2}{4}\cdot (1-1)^2 + \frac{1}{4}\cdot (0-1)^2 Fr}\\ &=& \sqrt{0.5}\\ &=& \underline{0.707 Fr} \end{array}

Es ist auch möglich, auf die Dauer Geld zu verlieren, was wir durch einen negativen Gewinn anzeigt wird.

Exercise 2

Eine faire Münze wird zweimal geworfen. Für zwei Köpfe erhalten wir 2Fr2 Fr, für einen Kopf erhalten wir 1Fr1 Fr und für null Köpfe müssen wir 5Fr5 Fr bezahlen. Wie hoch ist der durchschnittlicher Gewinn pro Spiel?

Solution

Wir definieren die Zufallsvariable WW="win in Fr". Die Wahrscheinlichkeitsfunktion von WW ist

p(W=2)=p(HH)=14p(W=1)=p(HT,TH)=24p(W=5)=p(TT)=14\begin{array}{lll} p(W=2)&=&p({HH})=\frac{1}{4}\\ p(W=1)&=&p({HT, TH})=\frac{2}{4}\\ p(W=-5)&=&p({TT})=\frac{1}{4}\\ \end{array}

Der durchschnittliche Gewinn ist

μW=142Fr+241Fr+14(5)Fr=0.25Fr\mu_W = \frac{1}{4}\cdot 2 Fr + \frac{2}{4}\cdot 1 Fr + \frac{1}{4}\cdot (-5) Fr = \underline{-0.25 Fr}

Das heisst, wir verlieren im Durchschnitt 0.25Fr0.25 Fr.

Bei einem Glücksspiel gibt es normalerweise eine Eintrittsgebühr und am Ende eine Auszahlung. Der Gewinn ist die Auszahlung abzüglich des Eintrittsgeldes. Wir sagen, dass ein Spiel fair ist, wenn der durchschnittliche Gewinn pro Spiel Null ist. Hier ist ein Beispiel.

Exercise 3

In einem Glücksspiel wird ein fairer Würfel zweimal geworfen. Das Startgeld beträgt 3Fr3 Fr. Die Auszahlung ist wie folgt: du erhältst 13Fr13 Fr für eine Doppelsechs, 9Fr9 Fr für eine 66 und sonst nichts. Ist dies ein faires Spiel?

Solution

Wir führen die Zufallsvariable WW="Gewinn in Fr". Die möglichen Werte von WW sind 133=1013-3=10 für einen doppelten 66, 93=69-3=6 für einen 66, und 03=30-3=-3 sonst. Die Wahrscheinlichkeitsfunktion von WW ist

p(W=10)=p({66})=136p(W=6)=p({61,62,63,64,65,16,26,36,46,56})=1036p(W=3)=2536\begin{array}{lll} p(W=10) &=& p(\{66\})=\frac{1}{36}\\ p(W=6) &=& p(\{61,62,63,64,65,16,26,36,46,56\})=\frac{10}{36}\\ p(W=-3) &=& \frac{25}{36} \end{array}

Wir haben also

μW=13610Fr+10366Fr+2536(3)Fr=536\mu_W = \frac{1}{36}\cdot 10 Fr + \frac{10}{36}\cdot 6 Fr + \frac{25}{36}\cdot (-3) Fr = -\frac{5}{36}

Das Spiel ist also nicht fair. Im Durchschnitt verlieren wir 0.14Fr0.14 Fr per Spiel.

Hier ist ein Beispiel für einen Durchschnittswert, der nichts mit Geld zu tun hat.

Exercise 4

Das Zufallsexperiment besteht darin, zweimal einen fairen Würfel zu werfen und die Summe zu bilden. Wie hoch ist der Durchschnittswert, den man pro Experiment erhält?

Solution

Wir definieren die Zufallsvariable SS="Summe der beiden Zahlen". Wir wissen bereits aus einer früheren Übung, wie die Wahrscheinlichkeitsfunktion von SS aussieht, und erhalten daher

μS=1362+2363+3364+4365+5366+6367+......+5368+4369+33610+23611+13612=25236=7\begin{array}{lll} \mu_S &=& \frac{1}{36}\cdot 2 + \frac{2}{36}\cdot 3 + \frac{3}{36}\cdot 4 +\frac{4}{36}\cdot 5 +\frac{5}{36}\cdot 6 +\frac{6}{36}\cdot 7 + ... \\ & & ... +\frac{5}{36}\cdot 8 +\frac{4}{36}\cdot 9 +\frac{3}{36}\cdot 10 +\frac{2}{36}\cdot 11 + \frac{1}{36}\cdot 12\\ & & = \frac{252}{36}=\underline{7} \end{array}