Fourierreihe
Fourierreihen kann man brauchen, um Signale zu zerpflücken oder Daten zu komprimieren; und für vieles mehr!
Recaps und Intro
Wir starten mit den -periodischen Funktionen und ; ich tendiere dazu, den Parameter zu nennen, da es hauptsächlich um zeitlich periodische Signale geht. Natürlich gehe ich auch davon aus, dass diese Winkelfunktionen grundsätzlich bekannt sind - andernfalls gibts Videos auf gym math zu Winkelfunktionen.
Schauen wir uns also Sinus und Cosinus an:
Löse folgende Übungen. Falls du bei einer Übung anstösst, gehe weiter...
Berechne die Integrale der beiden Funktionen über dem Intervall .
Solution
Wir berechnen die Integrale einzeln.
Für gilt:
Für gilt:
Ergebnis:
Wie sieht's für mit den Integralen der Funktionen bzw. über dem Intervall aus? Skizziere auch ihre Graphen.
Solution
Für gilt:
Da eine gerade Funktion ist, gilt , also:
Für gilt:
Da für jedes ganzzahlige , folgt:
Ergebnis:
Für jedes gilt:
Skizziere und berechne das Integral der Funktion über dem Intervall .
Solution
Wir verwenden die Identität:
Damit gilt:
Das Integral von ist:
Einsetzen der Grenzen:
Da gerade ist, gilt , also:
Die Funktion ist ungerade. Das Intervall ist symmetrisch, daher heben sich die Flächen ober- und unterhalb der -Achse gegenseitig auf.
Da der Graph von wie folgt aussieht, erstaunt auch das Resultat seiner Integration nicht:
Das gibt ja immer . Wie sieht's aus, wenn man die Frequenzen mischt?
Berechne
für ganze Zahlen (insbesondere den Fall ); verwende die -Darstellung von Sinus und Cosinus.
Solution
Schreibe die Funktionen mit Exponentialdarstellung:
Damit ist das Produkt
Integration über liefert für
Daher
denn und die entsprechenden Terme heben sich weg.
Speziell für :
Bemerkung: Dies ist ein Spezialfall der Orthogonalität von Sinus- und Cosinus-Funktionen auf : Produkte eines Sinus mit einem Cosinus integrieren über das punktsymmetrische Intervall stets zu .
Zeige, dass
- und
Wer vorher eine Repetition der Polarform auf gym math braucht, der klicke.
Solution
Aus der Euler-Formel
und ihrer konjugierten Form
erhalten wir durch Addition:
Subtraktion liefert:
Damit sind beide Darstellungen gezeigt.
On Vektorräume
Man studiere die Begriffe Vektorraum und Skalarprodukt. Wer an dieser Theorie gefallen findet, dem empfehle ich noch zusätzlich die schönen Fortsetzungen Metrik und Norm und Topologie.
Betrachte nun das Skalarprodukt von zwei Vektorraumelementen und der auf dem Intervall definierten Funktionen der Klasse . Man setzt
Zeige, dass das Fourier-Skalarprodukt
für (z.,B.) die Eigenschaften eines Skalarprodukts erfüllt:
-
Symmetrisch: .
-
Linear in der ersten Komponente: für .
-
Linear in der zweiten Komponente.
-
Positiv definit: und genau dann, wenn .
Solution
Wir beweisen die Eigenschaften nacheinander (alle Integrale sind über ).
- Symmetrie.
Mit folgt
- Linearität in der ersten Komponente.
Sei und gegeben. Mit Lineareigenschaft des Integrals:
-
Analog für die Linearität in der zweiten Komponente.
-
Positivität und Definitheit.
Zunächst gilt wegen punktweise:
Ist , so folgt und damit , also . Umgekehrt liefert offensichtlich .
Zwei Elemente eines Vektorraumes heissen zueinander orthogonal, wenn .
Überlege dir, wie eine orthogonale Basis des Fourier-Vektorraums aussehen könnte. Findest du eine Orthonormalbasis?
Solution
Auf Grund vorangegangener Berechnungen vermutet man, dass
auf dem Intervall unter dem Skalarprodukt paarweise orthonormiert sind. Wir prüfen Orthogonalität und Normen.
- Normen:
da (analog für ).
- Orthogonalität (ein paar typische Rechnungen):
für alle .
Damit bilden die gegebenen Funktionen eine Orthonormalbasis des Raums der -periodischen quadratintegrierbaren Funktionen.
Norm
Ein Skalarprodukt induziert via in natürlicher Weise eine sogenannte Norm. Wir kennen dies aus der Vektorgeometrie als Länge eines Vektors.
Zeige, die Länge/Norm eines Vektors im 3d ist gegeben via die Wurzel aus dem Skalarprodukt.
Solution
Wir arbeiten im euklidischen mit dem Standard-Skalarprodukt
für und . Für einen Vektor gilt somit
Die durch das Skalarprodukt induzierte Norm definiert man als
Damit erhält man für die (gewohnte) Länge des Vektors
also genau die seit der Schulzeit bekannte euklidische Länge.
Um zu zeigen, dass diese Definition tatsächlich eine Norm ist (falls das gefragt war), prüft man die drei Norm-Eigenschaften:
-
Positive Definitheit. Offenbar und genau dann, wenn . Also und .
-
Homogenität. Für :
- Dreiecksungleichung. Für gilt (mithilfe der Cauchy–Schwarz-Ungleichung )
Da beide Seiten nichtnegativ sind, folgt durch Wurzelziehen die Dreiecksungleichung
Damit ist gezeigt, dass die (euklidische) Länge definiert und alle Norm-Eigenschaften erfüllt.
Welche Norm hat die Funktion unter dem Fourierskalarprodukt?
Solution
Das Fourierskalarprodukt für zwei -periodische, quadratintegrierbare Funktionen und lautet
Für die konstante Funktion gilt
Die durch das Skalarprodukt induzierte Norm ist
Die Norm der -Funktion unter dem Fourierskalarprodukt beträgt .
Berechne die Länge der Funktionen und unter dem gegebenen Fourierskalarprodukt.
Solution
Das Fourierskalarprodukt für -periodische Funktionen und ist
Norm von :
Wir berechnen
Mit der Identität folgt:
Der Sinus-Term verschwindet, also:
Die Norm ist
Norm von :
Analog gilt
Mit :
Wieder verschwindet der Sinus-Term und wir erhalten:
Die Norm ist
Beide Funktionen und haben Norm unter dem Fourierskalarprodukt.
Open in GeoGebra
Fourierreihe mit Periode
Mit den vorangegangenen Betrachtungen akzeptieren wir folgender Satz.
Jede auf dem Intervall definierte, stückweise stetige und beschränkte Funktion kann als Fourierreihe der Form
dargestellt werden.
Proof
Fourierkoeffizienten: Für eine -periodische, integrierbare Funktion definiert man die Koeffizienten
und
Die partielle Fourierreihe ist dann
Behauptung (Dirichlet). Ist auf stückweise stetig und beschränkt, so konvergiert für jedes die Folge gegen
also gegen den Mittelwert der links- und rechtsseitigen Grenzwerte. Insbesondere konvergiert die Reihe an Punkten, an denen stetig ist, gegen .
Beweisskizze.
- Wegen der Orthogonalität der trigonometrischen Basisfunktionen sind die obigen Formeln für die natürlichen Projektionen von auf die Basis. Die partielle Summe lässt sich mit dem Dirichlet-Kernel schreiben:
mit
-
Trenne die Integralfunktion in einen Teil nahe (wo nahe ist, wegen stückweiser Stetigkeit) und einen Teil fern von (wo oszilliert). Die bedeutsame Eigenschaft ist, dass eine engere Hauptmasse um hat, während seine Oszillationen fern von beim Integrieren ausmitteln. Technisch führt man eine Zerlegung des Integrals durch und benutzt Abschätzungen für zusammen mit der Beschränktheit und der Riemann-Lebesgue-Eigenschaft (Oszillationsausgleich), um zu zeigen, dass Beiträge fern von verschwinden und der Beitrag nahe gegen den Mittelwert der Seitenwerte geht.
-
Aus diesen Abschätzungen folgt genau die Aussage des Dirichlet-Satzes: .
Anmerkungen und Konsequenzen
- Die Voraussetzungen "stückweise stetig und beschränkt" sind genau die klassischen Dirichlet-Bedingungen, unter denen man Punktweisekonvergenz erhält.
- Für stärkere Aussagen (z. B. -Konvergenz für quadratintegrierbare Funktionen) gibt es andere Sätze (Plancherel/Parseval).
- Praktisch: an Sprungstellen sieht man das Gibbs-Phänomen — die Reihe konvergiert trotzdem gegen den Mittelwert, aber mit überschwingenden Oszillationen in der Nähe des Sprungs.
Open in GeoGebra
An allen Stellen , wo stetig ist, konvergiert die Reihe gegen den Funktionswert . An allen Unstetigkeitsstellen konvergiert die Reihe gegen den Mittelwert aus links- und rechtsseitigem Grenzwert.
Die Fouriereihe wird in diesem Video motiviert.
Die Entwicklung einer Funktion in eine Fourierreihe kann als Zerlegung der Funktion in die durch die trigonometrischen Basisfunktionen dargestellten Schwingungen verstanden werden. Sie wird oft Fourieranalyse genannt; ich nenne es frequency fishing. (frequency fishing mit Geogebra illustriert)
Ferner kann man jede periodische Funktion auf das Intervall normieren. Daher gilt der Satz für periodische Funktionen mit Periode . Diese Periode kann man auch gegen Unendlich laufen lassen. Tatsächlich kann eine noch grössere Klasse von Funktionen in eine Fourierreihe entwickelt werden. Differenzierbarkeit ist dabei keine notwendige Bedingung. Ein Mass für die Güte der Approximation gibt
Entwicklungskoeffizienten
Integriere die Fourierreihe auf beiden Seiten über dem Intervall und zeige damit, dass
gilt.
Solution
Wir starten mit der Fourierreihe
Integriere beide Seiten über :
Die Integrale der trigonometrischen Funktionen über eine ganze Periode sind:
Also reduziert sich das Integral zu:
Dividiere beide Seiten durch :
Mit der tupfgenau gleichen Idee wie oben begründe man, dass die Fourierkoeffizienten
und
hierdurch gegeben sind.
Solution
Ausgangspunkt ist wieder die Fourierreihe
Multipliziere beide Seiten mit und integriere über :
Durch Orthogonalität der trigonometrischen Funktionen gilt:
Daher reduziert sich die Gleichung zu
Teile durch :
Analog multipliziere mit und integriere:
Wegen Orthogonalität gilt:
- Und alle Kreuzterme mit sind Null. Somit ergibt sich
Teile durch :
Frequency Fishing
Gegeben sei ein unbekanntes, periodisches Signal, das wir mit Integral-Methoden analysieren. Wir wissen hier zu Anschauungszwecken, dass
ist:
Open in GeoGebra
Ein erstes Beispiel
Bestimme die Fourierreihe der periodischen Funktion
Skizziere erst die Funktion über dem Intervall .
Solution
Wir betrachten die -periodische Funktion
Die Funktion ist auf gleich und auf gleich . Aufgrund der Periodizität wiederholt sich dieses Muster alle .
Auf dem Intervall sieht die Funktion aus wie ein Rechteck, das abwechselnd auf und springt mit Sprungstellen bei ganzzahligen Vielfachen von .
Berechnung der Fourierkoeffizienten:
- -Koeffizienten ():
da auf .
Berechne das Integral:
weil für alle ganzzahligen .
Also gilt für alle :
- -Koeffizienten ():
wieder da auf .
Berechne das Integral:
Damit ist
Für gerade ist , für ungerade ist . Also:
Die Fourierreihe lautet daher:
Die Integrale können rasch anspruchsvoll werden. Helfen kann manchmal die Methode der partiellen Integration
Beweise kurz die Regel der partiellen Integration.
Solution
Die Regel der partiellen Integration (Integrationsregel) besagt für differenzierbare Funktionen und :
Betrachte das Produkt . Die Produktregel der Differentiation liefert:
Integriere beide Seiten:
Die linke Seite ist einfach
also gilt
Umgestellt folgt:
Bestimme die Fourierreihe der -periodischen Funktion im Intervall .
Solution
Da eine ungerade Funktion ist (), gilt für die Kosinus-Koeffizienten:
Die Fourierreihe besteht also nur aus Sinus-Termen. Für die Koeffizienten nutzen wir die Symmetrie des Integranden (ungerade ungerade = gerade) und integrieren über das halbe Intervall:
Wir verwenden partielle Integration mit und :
Einsetzen in die Formel:
Das verbleibende Integral über den Kosinus ist Null (). Es bleibt der Randterm:
Die Fourierreihe lautet somit:
Betrachte die Funktion , welche über dem Intervall durch gegeben ist und sonst . Sonst heisst für uns hier über dem Intervall . Dies soll sich periodisch wiederholen.
Bestimme die Fourierreihe dieses Signals.
Solution
Gegeben sei die Funktion
Wir betrachten die -periodische Fortsetzung.
da außerhalb von .
Berechnung mittels partieller Integration:
Setze
Dann
Da ,
Das verbleibende Integral:
weil gerade ist.
Also
Somit
Da ungerade Funktion über symmetrisches Intervall, gilt
Die Fourierreihe lautet:
Man nennt eine Funktion gerade, falls gilt: . Eine Funktion heisst ungerade, falls gilt: .
Formuliere eine Regel für gerade und ungerade Funktionen und deren Fourierreihen und beweise diesen Satz anschliessend.
Solution
Regel:
- Ist eine gerade Funktion, also für alle , dann besteht die Fourierreihe von nur aus Cosinus-Termen:
Alle Sinus-Koeffizienten sind null.
- Ist eine ungerade Funktion, also für alle , dann besteht die Fourierreihe von nur aus Sinus-Termen:
Der Koeffizient und alle sind null.
Beweis:
Sei definiert auf und -periodisch.
- Gerade Funktion :
Da , ist gerade.
- Für die Sinus-Koeffizienten gilt:
Betrachte das Integral:
- gerade,
- ungerade,
- Produkt ist ungerade.
Integral einer ungeraden Funktion über symmetrisches Intervall ist null, also
- Für die Cosinus-Koeffizienten gilt:
Hier ist Produkt von zwei geraden Funktionen, also gerade. Das Integral ist also im Allgemeinen nicht null.
- Ungerade Funktion :
Da , ist ungerade.
- Für die Cosinus-Koeffizienten gilt:
ungerade, gerade, Produkt ungerade.
Integral über symmetrisches Intervall verschwindet:
- Für die Sinus-Koeffizienten gilt:
Hier ist Produkt von zwei ungeraden Funktionen, also gerade, Integral im Allgemeinen nicht null.
Zusammenfassung:
- Gerade Funktionen haben nur Cosinus-Terme.
- Ungerade Funktionen haben nur Sinus-Terme.
Geometrisch formuliert nenne ich eine Funktion gerade, falls ihr Graph symmetrisch zur -Achse ist; ungerade, falls ihr Graph punktsymmetrisch zum Ursprung ist.
Vielleicht sollte eine Aufgabe noch über die partielle Integration führen, damit man diese einmal gesehen hat. Man kann auch dieses Video zu Aufgaben aus einer Prüfung anschauen.