Ableitung der Exponentialfunktion
Die Exponentialfunktion ist für alle differenzierbar, und es gilt
Proof
Um die Ableitung der Exponentialfunktion zu bestimmen, muss man den Grenzwert
untersuchen.
Überzeuge dich davon, dass obiger Grenzwert gleich
ist.
Solution
Berechnet man Näherungswerte für den Grenzwert () mit dem Taschenrechner, so drängt sich die Vermutung
auf. Dies würde bedeuten, dass die Ableitung der -Funktion just wieder die -Funktion ist:
Wir begnügen uns hier mit folgender Herleitung: Für gilt
Diese Ungleichungen können mit der Taylorreihe von um bzw. mit der geometrischen Reihe für , falls , erklären.

also
Es folgt für
und für
Insgesamt
Einen anderen Zugang hat man durch die Punkte:
also gilt .
Mit Hilfe der Bernoulli'schen Ungleichung erhält man dann die beiden Ungleichungen
also und, wenn man durch ersetzt, . Aus der zweiten Ungleichung ergibt sich für also Damit gilt für :
Ungleichungen für e^x
Grundlegende Definitionen der Exponentialfunktion ohne Differentialrechnung
Die Untersuchung der Ungleichungskette beginnt mit einer fundamentalen Herausforderung: der Definition der Exponentialfunktion selbst. Die explizite Anforderung, auf Ableitungen zu verzichten, schliesst die gebräuchlichsten Zugänge der Analysis aus. Typischerweise wird die Exponentialfunktion entweder als die eindeutige Lösung der Differentialgleichung mit der Anfangsbedingung eingeführt oder über ihre Taylor-Reihe, deren Koeffizienten durch Ableitungen an einem Entwicklungspunkt bestimmt werden. Diese Methoden sind hier per definitionem ausgeschlossen.
Diese Einschränkung ist jedoch keine Sackgasse, sondern erzwingt eine Rückkehr zu den elementareren Bausteinen der Mathematik. Sie erfordert den Aufbau der Theorie der Exponentialfunktion auf einem Fundament, das ausschliesslich auf algebraischen Prinzipien und der Grenzwerttheorie beruht. Anstatt die Eigenschaften von aus der Differentialrechnung abzuleiten, definieren wir die Funktion auf eine Weise, die ihre Eigenschaften aus Grenzwertprozessen herleitet. Es gibt zwei primäre, äquivalente Wege, dies zu tun, die als Ausgangspunkt für alle nachfolgenden Beweise dienen werden.
Die erste und historisch bedeutsame Methode definiert die Exponentialfunktion als den Grenzwert einer spezifischen Folge. Dieser Ansatz verbindet die Zahl direkt mit dem Konzept des stetigen Wachstums.
Für jede reelle Zahl wird die Exponentialfunktion definiert als:
Eine solche Definition ist nur dann rigoros, wenn die Existenz dieses Grenzwertes für alle reellen gesichert ist. Die Konvergenz der Folge kann nachgewiesen werden, indem man zeigt, dass sie für monoton wachsend und nach oben beschränkt ist. Ein zentrales Werkzeug für den Nachweis der Monotonie ist die Bernoulli-Ungleichung, die im folgenden Abschnitt ausführlich bewiesen wird. Dies verdeutlicht eine tiefe Verflechtung zwischen dem zu beweisenden Objekt und den für den Beweis notwendigen Werkzeugen; die Struktur von ist untrennbar mit den Eigenschaften fundamentaler algebraischer Ungleichungen verbunden.
Die Definition als unendliche Reihe
Ein alternativer, aber ebenso fundamentaler Ansatz definiert die Exponentialfunktion als eine unendliche Potenzreihe. Diese Darstellung ist in vielen Bereichen der Mathematik und Physik von zentraler Bedeutung.
Für jede reelle Zahl wird die Exponentialfunktion definiert als die Summe der unendlichen Reihe:
Auch hier muss die Gültigkeit der Definition durch den Nachweis der Konvergenz untermauert werden. Mittels des Quotientenkriteriums, einem Werkzeug, das auf Grenzwerten von Verhältnissen beruht und keine Ableitungen benötigt, lässt sich zeigen, dass diese Reihe für alle reellen Werte von absolut konvergiert. Dies stellt sicher, dass die Funktion auf der gesamten reellen Achse wohldefiniert ist.
Äquivalenz der Definitionen
Um einen kohärenten Rahmen für die nachfolgenden Beweise zu schaffen, ist es unerlässlich, die Äquivalenz dieser beiden Definitionen zu demonstrieren. Es lässt sich zeigen, dass die Grenzwertdefinition zur Reihendarstellung führt. Der Beweis nutzt den Binomischen Lehrsatz, ein rein algebraisches Werkzeug.
Die Entwicklung von nach dem Binomischen Lehrsatz ergibt:
Der Koeffizient des Terms lässt sich umschreiben zu:
Für ein festes konvergiert jeder der Faktoren in der Klammer gegen 1, wenn . Daher konvergiert der gesamte Koeffizient gegen . Ein rigoroser Beweis, dass der Grenzwert der Summe gleich der Summe der Grenzwerte ist, erfordert fortgeschrittene Sätze wie den Satz von der dominierten Konvergenz. Für die Zwecke dieser Analyse genügt die intuitive Feststellung, dass für grosse die endliche Summe sich der unendlichen Reihe annähert. Diese Äquivalenz rechtfertigt die austauschbare Verwendung beider Definitionen in den folgenden Abschnitten.
Herleitung aus der Grenzwertdefinition mittels der Bernoulli-Ungleichung
Dieser Abschnitt widmet sich dem klassischen, von der Differentialrechnung unabhängigen Beweis der Ungleichungskette. Er basiert auf dem Zusammenspiel der Grenzwertdefinition von und einer fundamentalen algebraischen Ungleichung, die auf Jacob Bernoulli zurückgeht.
Ein notwendiges Lemma: Beweis der Bernoulli-Ungleichung
Das zentrale Werkzeug für diesen Beweis ist die Bernoulli-Ungleichung. Sie stellt eine einfache, aber wirkungsvolle Abschätzung für Potenzen von Binomen dar.
Für jede ganze Zahl und jede reelle Zahl gilt:
Proof
Der Beweis dieser Ungleichung erfolgt elegant und elementar durch das Prinzip der vollständigen Induktion, eine Methode, die rein algebraisch ist.
- Induktionsanfang: Für lautet die Ungleichung , was zu vereinfacht wird. Diese Aussage ist offensichtlich wahr.
- Induktionsschritt: Gelte die Ungleichung für eine beliebige, aber feste ganze Zahl :
Es ist zu zeigen, dass die Ungleichung dann auch für gilt. Man betrachtet dazu den Ausdruck :
Da nach Voraussetzung ist, gilt . Daher kann man die Induktionsvoraussetzung anwenden, ohne das Ungleichheitszeichen zu ändern:
Ausmultiplizieren der rechten Seite ergibt:
Da und ist, gilt . Somit kann dieser Term abgeschätzt werden:
und wir sind fertig.
Beweis der unteren Schranke ()
Mit der Bernoulli-Ungleichung lässt sich die untere Schranke für direkt aus der Grenzwertdefinition herleiten.
- Fall 1: . Man betrachtet die definierende Folge für , also . Um die Bernoulli-Ungleichung anwenden zu können, muss die Bedingung erfüllt sein. Hier ist . Für jedes gilt , sofern . Da der Grenzwert für betrachtet wird, ist diese Bedingung für hinreichend grosse stets erfüllt. Die Anwendung der Bernoulli-Ungleichung ergibt:
Diese Abschätzung gilt für alle , für die ist. Da die Ungleichung für alle hinreichend grossen Bestand hat, bleibt sie auch im Grenzwert erhalten:
- Fall 2: . In diesem Fall ist der Term negativ. Die Exponentialfunktion ist jedoch als Grenzwert von definiert. Für ist der Term in der Klammer positiv, und somit ist auch positiv. Folglich ist der Grenzwert ebenfalls nicht-negativ (tatsächlich strikt positiv). Daher gilt in diesem Fall trivialerweise .
Durch die Kombination beider Fälle ist die Ungleichung für alle reellen Zahlen bewiesen.
Beweis der oberen Schranke ()
Der Beweis der oberen Schranke ist subtiler und offenbart eine interessante Asymmetrie in der Ungleichungskette. Er wird nicht durch eine analoge Anwendung der Bernoulli-Ungleichung geführt, sondern direkt aus der bereits bewiesenen unteren Schranke abgeleitet. Diese Herleitungsmethode deckt auch eine fundamentale Einschränkung des Gültigkeitsbereichs der oberen Schranke auf.
Man beginnt mit der etablierten Ungleichung , die für alle reellen gilt. Durch die Substitution erhält man:
Das Ziel ist es, diese Ungleichung nach aufzulösen. Da , lautet die Ungleichung:
Um zu isolieren, muss man auf beiden Seiten den Kehrwert bilden. Diese Operation ist nur dann zulässig und aussagekräftig, wenn beide Seiten der Ungleichung positiv sind. Da für alle reellen positiv ist, ist auch stets positiv. Die entscheidende Bedingung ist daher, dass auch die linke Seite positiv sein muss:
Diese Bedingung ist keine willkürliche Annahme, sondern eine notwendige Konsequenz der algebraischen Struktur des Beweises. Nur unter der Voraussetzung können die nächsten Schritte durchgeführt werden.
Für sind beide Seiten von positiv. Bildet man den Kehrwert, so kehrt sich das Ungleichheitszeichen um:
Damit ist die obere Schranke für alle bewiesen.