Stammfunktionen
Bei der Diskussion von Funktionen war die Ableitung ein wichtiger Begriff. Mit ihrer Hilfe kann man bekanntlich die momentane Änderungsrate einer Grösse,
bestimmen. Im Folgenden wird nun umgekehrt diskutiert, wie man von der momentanen Änderungsrate einer Grösse auf die Gesamtänderung schliessen kann. Wir werden sehen, dass die Gesamtänderung einer Grösse als Flächeninhalt unter einer Kurve interpretiert werden kann.
Newton und Leibniz, die beiden Entdecker der Differentialrechnung trieben auch die hier vorgestellte Integralrechnung voran. Die symbolische Schreibweise geht auf Leibniz zurück, wobei dieses Zeichen an das Wort Summe (lat. ſumma, " ſ " steht für ein langes s) erinnern soll. Wie wir sehen werden, geht es nämlich in der Integralrechnung darum, infinitesimal kleine Flächenstücke aufzusummieren. Die Notation bedeutet die Fläche einer "Säule"\ mit Höhe und infinitesimal kleiner Breite ; vergleiche mit dem sogenannten Riemann-Integral.
Flächenberechnung als Grenzwertprozess
Berechne die Fläche zwischen dem Graphen von und der x-Achse im Intervall . Wir approximieren den gesuchten Flächeninhalt mit Rechtecken der Breite für ein festes , welche dem gesuchten Ebenenstück einbeschrieben sind. Wir erhalten nach kurzer Rechnung
Die kurze Rechnung
Da die Rechtecke "einbeschrieben" sind (Untersumme), muss die Höhe jedes Rechtecks dem niedrigsten Funktionswert im jeweiligen Teilintervall entsprechen.
Die Funktion ist im Intervall streng monoton wachsend. Das bedeutet, der niedrigste Wert in einem Teilintervall befindet sich immer am linken Rand, also bei .
- Höhe des 1. Rechtecks:
- Höhe des 2. Rechtecks:
- Höhe des i-ten Rechtecks:
- ...
- Höhe des n-ten Rechtecks:
Die Gesamtfläche der Untersumme ist die Summe der Flächen aller Rechtecke. Die Fläche eines Rechtecks ist Breite mal Höhe.
Jetzt setzen wir den Ausdruck für die Höhe ein:
Der Term hängt nicht von der Zählvariable ab und kann daher vor die Summe gezogen werden:
Dies ist die Summe der ersten Quadratzahlen:
In unserem Fall ist . Wir setzen dies in die Formel ein:
Zum Schluss kürzen wir ein aus dem Zähler und Nenner:
Um eine bessere Näherung zu erhalten, lassen wir gegen Unendlich streben:
Das bedeutet, dass der gesuchte Flächeninhalt nicht kleiner als ein Drittel ist. Nun nähern wir die gesuchte Fläche mit Rechtecken an, in welchen der Graph vollständig enthalten ist:
Wiederum lassen wir gegen Unendlich streben:
Das heisst, dass die Fläche nicht grösser als ist. Zusammen mit dem ersten Resultat also, dass die gesuchte Fläche exakt beträgt.
nennt man sinnigerweise Untersumme und Obersumme. Hier die Darstellungen von und angewendet auf im Intervall .
Wenn, wie in unserem Beispiel, Ober- und Untersumme für gegen Unendlich gegen den gleichen Wert konvergieren, dann sagt man:
"Das Integral von auf dem Intervall existiert und hat den Wert ".
Berechne die Fläche zwischen und der -Achse auf dem Intervall mit . Du darfst annehmen, dass Ober- und Untersumme gegen den gleichen Wert konvergieren.
Solution
Von der Fläche von bis ziehen wir die Fläche von bis ab: .
Berechne die Fläche zwischen und der -Achse auf dem Intervall mit .
Solution
Von der Fläche von bis ziehen wir die Fläche von bis ab: .
Zeichne den Graphen von . Berechne die Flächenfunktion zwischen dem Graphen von und der x-Achse auf dem Intervall , welche den Wert der Fläche in Abhängigkeit von angibt. Welcher Zusammenhang besteht zwischen und ?
Solution
An der Stelle haben wir eine Dreiecksfläche . Es ist .
Finde die Flächenformel für den Wert der Fläche zwischen dem Graphen und der x-Achse auf dem Intervall . hängt natürlich von und ab: .

Solution
Man findet Säulen vom Typ . Das führt im Limit zu .
Stammfunktionen
Notiere erneut für die gleichmässig beschleunigte Bewegung () die Funktionsgleichungen für
a) die zurückgelegte Strecke in Abhängigkeit der Zeit.
b) die Geschwindigkeit in Abhängigkeit der Zeit.
c) die Beschleunigung in Abhängigkeit der Zeit.
und skizziere die Funktionen. Erkläre anschliessend den Zusammenhang zwischen , , und und bestimme beim -- und --Diagramm den Flächeninhalt zwischen dem entsprechenden Graphen und der -Achse. Betrachte dazu das Zeitintervall und setze .
Solution
a)
b)
c)
Der Graph von ist konstant und die beiden andern sehen so aus:


Für über dem Intervall beträgt die Rechtecksfläche . Bei der Geschwindigkeit hat man
Betrachten wir die Fläche unter dem Graphen einer stetigen Funktion über einem Intervall , die wir uns wie folgt vorstellen:
Wir nähern für kleine an, indem wir zu eine schmale Säule der Fläche addieren, was einen kleinen Fehler mit sich bringt.
Links steht die Ableitung der Flächenfunktion, , an der Stelle . Die rechte Seite konvergiert, wegen der Stetigkeit von , gegen . Es ist also für eine variable Obergrenze :
Das heisst, die Flächenfunktion abgeleitet ergibt die Randfunktion .
Gegeben sei eine auf dem Intervall definierte Funktion . heisst Stammfunktion von im Intervall , wenn für alle .
Salopp: ist Stammfunktion von auf , wenn abgeleitet gleich ist:
Beispiele von Stammfunktionen sind:
a) zu .
b) zu .
c) zu
Was ist eine Stammfunktion für ?
Solution
ist Stammfunktion von sich selbst, da ; insbesondere sind mit alles Stammfunktionen von .
Obige Übung zeigt auch, wieso ich von einer Stammfunktion von gesprochen habe. Weil nämlich beim Ableiten eine additive Konstante wegfällt, gibt es zu einer Funktion unendlich viele Stammfunktionen . Wir formulieren
Ist eine Stammfunktion von , so gilt für alle weiteren Stammfunktionen von :
Proof
Man betrachte die Funktion mit dem Funktionsterm , wobei und Stammfunktionen von seien. Also gilt für die Steigungsfunktion und somit , da eine Funktion, deren Graph immer parallel zur -Achse verläuft, notwendigerweise konstant sein muss.
Für den Zusammenhang Funktion - Stammfunktion benutzt man ein besonderes Symbol und schreibt:
(lies: unbestimmtes Integral von )
Das Symbol steht für die Aufforderung, den Integranden zu integrieren (integrare, lat. wiederherstellen), also die Stammfunktion von zu bestimmen. Das gibt an, dass nach der Integrationsvariablen integriert werden soll, im Sinne von
Also
hingegen
nennt man Integrationskonstante.
Ermittle zu eine Stammfunktion und benutze die Integralschreibweise. Bestätige dein Ergebnis durch entsprechende Differenziation.
a)
b)
c)
d)
e)
f)
g)
h)
i)
j)
Solution
Exemplarisch: An der Stelle haben wir eine Dreiecksfläche . Es ist .
a) mit .
b) mit .
c) mit .
d) mit .
Solution
a) und daraus
b) und daraus
c) und
d) und
Berechne
a)
b)
c)
d)
e)
f)
Solution
a)
b)
c)
d)
e)
f)
Bestätige durch Differentiation
a)
b)
c)
d)
Solution
Man sieht durch Differentiation, dass die vorgeschlagenen Stammfunktionen korrekt sind.
Ein Ölteppich breitet sich ungefähr mit der Geschwindigkeit
radial aus, wobei den Radius des kreisförmigen Ölteppichs in Meter nach Minuten angibt. Nach einer Minute beträgt der Radius bereits 15 Meter. Berechne den Radius nach 49 Minuten.
Solution
Wir haben
Wegen ist . Nach Minuten ist .
Nachdem für einige Funktionen bereits die Stammfunktionen konkret gebildet wurden, soll an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass es in diesem Zusammenhang zwei grundsätzliche Fragen gibt:
- Gibt es zu jeder Funktion eine Stammfunktion , d.h. ist jede Funktion integrierbar?
- Ist gegebenenfalls diese Stammfunktion auch berechenbar, d.h. kann man ihren Funktionsterm explizit angeben?
Ohne Beweis wollen wir lediglich zur ersten Frage bemerken: Jede auf einem abgeschlossenen Intervall stetige Funktion ist auf entsprechendem Intervall auch integrierbar.
Das unbestimmte Integral
Zur Bestimmung der Ableitung einer Funktion gibt es zahlreiche Rechenregeln. Beim Integrieren sind für uns nur wenige Eigenschaften des Integrals von Bedeutung. Nun wird der Begriff des unbestimmten Integrals einer Funktion eingeführt, um die wichtigsten Eigenschaften des Integrals schlank notieren können.
Die Menge aller Stammfunktionen einer Funktion heisst unbestimmtes Integral. Man schreibt dafür
Zu einer Funktion das unbestimmte Integral bilden, heisst die Funktion zu integrieren.
Da das Integrieren im Allgemeinen ein schwieriges Unterfangen ist, ist man darauf bedacht, Formeln für häufig verwendete Funktionen bereitzustellen und Eigenschaften des Integrals zu formulieren.
Wir kennen bereits die Stammfunktionen zur Potenzfunktion mit und der Sinus- bzw Cosinus-Funktion. Weitere Formeln können in der Formelsammlung nachgeschlagen werden.
Wieso lässt man bei der Formel für die Stammfunktion von den Fall nicht zu?
Solution
Würde man integrieren, so erwartete man , was aber eine Konstante ist und daher abgeleitet ergibt. Aus der Differentialrechnung kennen wir .
Folgende Eigenschaft des Integrals kann manchmal nützlich sein.
Sind die Funktionen und auf dem Intervall stetig und sind sowie , dann gilt:
Proof
Offensichtlich stammt der Satz von den bereits bewiesenen Regeln - konstanter Faktor und Summenregel - für Ableitungen ab.
Bestimme die Integrale von und .
Solution
und .
Die Graphen der Sinus- und Cosinus-Funktion begrenzen miteinander unendlich viele kongruente Ebenenstücke. Berechne den Flächeninhalt eines solchen Ebenenstücks.

Solution
Wir berechnen als Schnittpunkt
und erkennen, dass der nächste Schnittpunkt bei liegt: