Lageparameter
Zufallsvariable
Glücksspiele nennt man gerecht (fair), günstig oder ungünstig, je nachdem, ob der Gewinn, den wir bei mehreren Spielen erwarten können, gleich , grösser oder kleiner als ist. Zur Analyse eines Glücksspiels müssen wir von allen möglichen Ausgängen die entsprechenden Wahrscheinlichkeiten und die zugehörigen positiven oder negativen Gewinne kennen.
Als charakteristisches Beispiel wählen wir ein intuitiv gerechtes Spiel: Peter und Paul werfen je einen Fünfliber; bei gleichen Wurfbildern gewinnt Peter, andernfalls Paul beide Münzen. Die Tabelle enthält alle zur Analyse wichtigen Daten.
| 00 | 01 | 10 | 11 | |
|---|---|---|---|---|
| Peters Gewinn |
Aus dieser Tabelle lässt sich sofort eine Funktion erkennen. Diese Funktion ordnet jedem Ausgang den zugehörigen Gewinn oder Verlust zu.
Eine Funktion, deren Definitionsmenge der Stichprobenraum ist und deren Wertemenge die reellen Zahlen sind,
nennt man eine Zufallsvariable.
Eine Zufallsvariable ist weder zufällig noch variabel, sondern eine reelle Zahlenfunktion. Derartige Funktionen werden üblicherweise mit grossen Buchstaben , , bezeichnet. Beachte ebenfalls die Unterschiede zur Wahrscheinlichkeitsfunktion.
Wir bezeichnen die Funktionswerte der Zufallsvariablen mit , , , und konzentrieren uns auf die Wahrscheinlichkeiten, mit denen die einzelnen Funktionswerte angenommen werden. Zu diesem Zweck erstellen wir eine neue Tabelle, die die Wahrscheinlichkeitsverteilung der Zufallsvariablen angibt.
Mit dieser Wahrscheinlichkeitsverteilung der Zufallsvariablen lässt sich der Durchschnittswert je Spielwiederholung berechnen. Dazu müssen wir jeden Gewinn mit der entsprechenden Wahrscheinlichkeit gewichten: Durchschnittsgewinn entspricht . Unser Gefühl, dass es sich um ein gerechtes Spiel handelt, also bei vielen Wiederholungen weder Gewinn noch Verlust zu erwarten ist, wird somit rechnerisch bestätigt.
Erwartungswert
Allgemein bezeichnet man das mit den entsprechenden Wahrscheinlichkeiten gewichtete Mittel der Funktionswerte der Zufallsvariablen als den Erwartungswert:
Zwei Würfel werden sehr oft geworfen. Welche Augensumme darf man durchschnittlich erwarten? Die Zufallsvariable ordnet jedem
die Augensumme der beiden Würfel zu. Die möglichen Funktionswerte der Zufallsvariablen sind , , , , .
Ergänze in der Tabelle die Wahrscheinlichkeitsverteilung.
Solution
Beachte, dass die Summe aller Wahrscheinlichkeiten 100% beträgt. Für den Erwartungswert ergibt sich dann
Für den Wurf mit zwei Würfeln ergibt sich dieses Bild:


Aus einer Urne mit fünf Kärtchen
wird eines der fünf Wörter zufällig gezogen. Berechne den Erwartungswert der Zufallsvariablen
a) , deren Funktionswerte die Länge des gewählten Wortes angeben,
b) , deren Funktionswerte die Anzahl der Vokale im gewählten Wort angeben,
c) , deren Funktionswerte die Anzahl e im gewählten Wort angeben.
Solution
a)
b)
c)
Du hast jetzt 9 Franken. Eine Münze wird geworfen. Erscheint "Kopf", wird dein Vermögen verdreifacht; erscheint "Zahl", wird dein Vermögen gedrittelt. Welches Vermögen darfst du nach zweimaligem Werfen erwarten?
Solution
Es gibt 4 Szenarien: , , und , die alle dieselbe Wahrscheinlichkeit haben. Damit gilt für den Erwartungswert
In amerikanischen Casinos findet das Würfelspiel Chuck a Luck grossen Anklang. Setze auf eine der Zahlen , , , , , . Dann werden drei Würfel geworfen. Erscheint deine Zahl ein-, zwei- oder dreimal, so erhältst du das ein-, zwei- oder dreifache deines Einsatzes und dazu deinen Einsatz zurück. Andernfalls verlierst du natürlich deinen Einsatz. Berechne den zu erwartenden Gewinn bei einem Einsatz von .
Solution
Äquivalent dazu kann man einen Würfel dreimal nacheinander werfen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die getippte Zahl erscheint, ist . Wir notieren die möglichen Prozesswahrscheinlichkeiten: , , und . Es folgt Cent.
Ein Glücksspielapparat hat zwei Räder, die der Spieler durch Hebeldruck in Bewegung setzen kann. Auf jedem Rad sind vier Glocken, fünf Kirschen und ein Apfel in regelmässigen Abständen abgebildet. Der Apparat zahlt für zwei Äpfel Fr. 10.-, für zwei Glocken Fr. 2.- und für zwei Kirschen Fr. 1.- und man kriegt den Einsatz zurück. Der Einsatz beträgt Fr. 1.-. Wer gewinnt hier?
Solution
Zwei gleich starke Tennisspieler müssen den Sieg in einem Tie-Break entscheiden. Es steht bereits 5:5. Wie viele Punkte müssen voraussichtlich noch bis zur Entscheidung gespielt werden?
Solution
. Diese Reihe kann man auf eine geometrische zurückführen. Wir betrachten dazu bzw. die Differenz
Es folgt und damit
Standardabweichung
Als Kennzahl für einen zu erwartenden Wert haben wir bereits den Erwartungswert. Im Folgenden wollen wir eine Masszahl für die Streuung um diesen Erwartungswert kreieren.
Zwei Maschinen A und B schneiden bei einem Probelauf Stahlstifte auf eine vorgegebene Länge von zu. Untersuchungen über auftretende Abweichungen ergaben folgende Wahrscheinlichkeitsverteilungen für die anfallenden Längen:
Maschine A:
| 9.8 | 9.9 | 10.0 | 10.1 | 10.2 | |
|---|---|---|---|---|---|
| 0.1 | 0.1 | 0.6 | 0.1 | 0.1 |
Maschine B:
| 9.8 | 9.9 | 10.0 | 10.1 | 10.2 | |
|---|---|---|---|---|---|
| 0.1 | 0.2 | 0.4 | 0.2 | 0.1 |
Stelle beide Verteilungen mit verschiedenen Farben im Koordinatensystem grafisch dar und berechne die Erwartungswerte und .

Solution
Die Werte sehen etwa so aus:

Obwohl die grafischen Darstellungen ganz verschieden aussehen, stimmen die Erwartungswerte mit dem Sollwert überein. Offensichtlich wird man aber die Maschine A bevorzugen. Der Erwartungswert gibt nur an, wo das Zentrum der Verteilung liegt, nicht aber, wie stark die Verteilung um ihr Zentrum konzentriert ist. Deshalb benötigt man eine Masszahl für die Abweichung der Funktionswerte der Zufallsvariablen von ihrem Erwartungswert.
Der Ausdruck
ist die Standardabweichung der Zufallsvariablen .
Berechne für beide Maschinen aus dem obigen Beispiel die Standardabweichung der Zufallsvariablen und und bestätige somit, dass die Maschine A zu bevorzugen ist.
Solution
Wegen der Symmetrie gilt für beide Maschinen offensichtlich ; ansonsten rechnet man nach.
Für die Standardabweichungen erhalten wir:
und für die Maschine B
Also streut Maschine B mehr als A.
Der Blutdruck in der Oberarmschlagader eines gesunden Menschen beträgt etwa Quecksilbersäule. Eine Arzneimittelfirma lässt zwei Medikamente A und B zur Regulierung des Blutdrucks klinisch testen. Die Ergebnisse sind in der Tabelle festgehalten:
| 105 | 110 | 115 | 120 | 125 | 130 | 135 | ||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| A: | 0.04 | 0.09 | 0.16 | 0.40 | 0.20 | 0.07 | 0.04 | |
| B: | 0.02 | 0.08 | 0.15 | 0.46 | 0.23 | 0.04 | 0.02 |
Berechne für jedes Medikament den Erwartungswert und die Standardabweichung. Welches Medikament ist demnach vorteilhafter?
Solution
und sowie . Medikament B ist vorteilhafter, da es weniger stark streut.