Die Euler'sche Zahl

Wir haben für die Polarform einer komplexen Zahl die Schreibweise reiφr\mathrm{e}^{\mathrm{i}\varphi} ("rr-mal Einheitszeiger mit Winkel φ\varphi") eingeführt. Bisher handelte es sich dabei um eine reine Schreibweise. Von der Interpretation "e\mathrm{e} hoch i\mathrm{i} mal φ\varphi" haben wir bei allen Herleitungen oder Beweisen keinen Gebrauch gemacht. In diesem Abschnitt werden wir plausibel machen, dass die komplexe Zahl eiφ\mathrm{e}^{\mathrm{i}\varphi} tatsächlich als e\mathrm{e} hoch i\mathrm{i} mal φ\varphi zu verstehen ist.

Die Zahl

e=2.718281828459\mathrm{e} = 2.718281828459\dots

wurde nach dem Schweizer Mathematiker und Physiker Leonhard Euler (1707-1783) benannt. Diese Eulersche Zahl ist definiert als

e:=limn(1+1n)n\mathrm{e} := \lim_{n\to\infty}\left(1+\frac{1}{n}\right)^n

Die Zahlen (1+1n)n(1+\frac{1}{n})^n nähern sich für nn gegen unendlich immer mehr und ausschliesslich der bestimmten Zahl 2.7182.718\dots.

nn (1+1n)n(1+\frac{1}{n})^n
1 2
2 2.25
10 2.59...
100 2.70...
1000 2.716...
100'000 2.71826...
100'000'000 2.71828...

Allgemeiner gilt für jede Zahl aRa\in\mathbb{R}

ea=limn(1+an)n,\mathrm{e}^a = \lim_{n\to\infty}\left(1+\frac{a}{n}\right)^n,

was im Spezialfall a=1a=1 mit dem Obigen übereinstimmt. In diesem Ausdruck treten nur Grundrechenarten auf, die auch in C\mathbb{C} ausgeführt werden können. Wegen des Permanenzprinzips sollte daher auch ez\mathrm{e}^z mit zCz\in\mathbb{C} definiert sein.

Example 1

Wir versuchen, mit a=iπ2a = \mathrm{i}\frac{\pi}{2} eingesetzt

limn(1+inπ2)n\lim_{n\to\infty}\left(1+\frac{\mathrm{i}}{n}\cdot\frac{\pi}{2}\right)^n

zu bestimmen. Dazu betrachten wir die Entwicklung in der Tabelle:

nn (1+inπ2)n(1+\frac{\mathrm{i}}{n}\cdot\frac{\pi}{2})^n
1 1+i1.5707961+\mathrm{i}\cdot 1.570796\dots
2 0.383149+i1.5707960.383149\dots+\mathrm{i}\cdot 1.570796\dots
10 0.014381+i1.1295180.014381\dots+\mathrm{i}\cdot 1.129518\dots
100 0.000130+i1.0124110.000130\dots+\mathrm{i}\cdot 1.012411\dots
1000 0.000001+i1.0012340.000001\dots+\mathrm{i}\cdot 1.001234\dots
100000 0.000000+i1.0000120.000000\dots+\mathrm{i}\cdot 1.000012\dots

Geometrisch sehen die ersten drei Näherungen wie folgt aus:

Für die Polarform rneiφnr_ne^{\mathrm{i}\varphi_n} des Faktors (1+inπ2)(1+\frac{\mathrm{i}}{n}\cdot\frac{\pi}{2}) gilt

rn=1+1n2π24,tan(φn)=1nπ2.r_n = \sqrt{1+\frac{1}{n^2}\cdot\frac{\pi^2}{4}},\quad \tan(\varphi_n) = \frac{1}{n}\cdot\frac{\pi}{2}.

Daraus folgt

(rneiφn)n=rnneinφn=(1+1n2π24)neinφn.\left(r_n\mathrm{e}^{\mathrm{i}\varphi_n}\right)^n = r_n^n\mathrm{e}^{\mathrm{i}n\varphi_n} = \sqrt{\left(1+\frac{1}{n^2}\cdot\frac{\pi^2}{4}\right)^n}\cdot\mathrm{e}^{\mathrm{i}n\varphi_n}.

Es gilt nun für grosse nn näherungsweise tan(α)α\tan(\alpha) \approx \alpha, d.h. φn1nπ2\varphi_n \approx \frac{1}{n}\cdot\frac{\pi}{2} und damit

nφnnπ2.n\varphi_n\stackrel{n\to\infty}{\longrightarrow}\frac{\pi}{2}.

Setzt man dies in den Exponenten und den Radikanden ein, erhält man schliesslich

(1+1n2π24)n1+1nπ24n1.\left(1+\frac{1}{n^2}\cdot\frac{\pi^2}{4}\right)^n\approx1+\frac{1}{n}\cdot\frac{\pi^2}{4}\stackrel{n\to\infty}{\longrightarrow}1.
Exercise 1: 🧩

Begründe die oben verwendeten Näherungen.

Solution

Für kleine Argumente xx gilt tan(x)x\tan(x) \approx x aus der Taylor-Entwicklung tan(x)=x+x33+\tan(x) = x + \frac{x^3}{3} + \dots, wobei höhere Terme für x0x\to 0 verschwinden. Für den zweiten Ausdruck benutzt man die Näherung (1+un2)n1+un(1+\frac{u}{n^2})^n \approx 1 + \frac{u}{n} für kleines uu, was aus der binomischen Entwicklung (1+x)n=1+nx+n(n1)2x2+(1+x)^n = 1 + nx + \frac{n(n-1)}{2}x^2 + \dots folgt. Setzt man x=un2x = \frac{u}{n^2}, so ist der lineare Term un\frac{u}{n} und die quadratischen Terme sind O(1n2)O(\frac{1}{n^2}), also für nn\to\infty vernachlässigbar.

Damit gilt also die Definition der Eulerschen Zahl auch für komplexe Zahlen.

Note 1

Setzt man φ=π\varphi = \pi, so erhält man

eiπ=cos(π)+isin(π)=1.\mathrm{e}^{\mathrm{i}\pi} = \cos(\pi)+\mathrm{i}\sin(\pi) = -1.

Man kann diese Gleichung auch in der Form

eiπ+1=0\boxed{\mathrm{e}^{\mathrm{i}\pi}+1 = 0}

schreiben. Diese Gleichung wird von vielen Mathematikern als "die schönste Formel" bezeichnet, denn in ihr treten die fünf Zahlen 00, 11, e\mathrm{e}, π\pi und i\mathrm{i} auf - die fünf wichtigsten Zahlen für Mathematiker - sowie die Operationen Addition, Multiplikation und Potenzieren.

Note 2

Es gilt auch die Reihendarstellung

ex=k=01k!xk,\mathrm{e}^x = \sum_{k=0}^\infty \frac{1}{k!}x^k,

die auch als Definition von e\mathrm{e} fungieren kann.