Operationen auf Vektoren

Wir wollen uns zuerst mit der geometrischen Interpretation der Grundoperationen auseinandersetzen. Die algebraische Umsetzung ist dann einfach durch Angabe von Definitionen zu erledigen, die die Geometrie repräsentieren.

Definition 1: Gegenvektor

Der Vektor, der zwar den gleichen Betrag, aber die entgegengesetzte Richtung wie v\vec{v} hat, wird mit v-\vec{v} bezeichnet und heisst Gegenvektor von v\vec{v}.

Analog definiert man die Multiplikation eines Vektors mit einem Skalar.

Definition 2: S-Multiplikation

Für tRt\in\mathbb{R} ist tat\cdot\vec{a} ein Vektor mit dem t|t|-fachen Betrag von a\vec{a}:

ta=ta.|t\vec{a}| = |t|\vec{a}.

Diese Operation nennt man kurz S-Multiplikation.

  • Falls t>0t>0 ist, hat tat\vec{a} dieselbe Richtung wie a\vec{a},
  • Falls t<0t<0 ist, hat tat\vec{a} die entgegengesetzte Richtung von a\vec{a},
  • Falls t=0t=0 ist, ist tat\vec{a} der Nullvektor.

Umgekehrt gilt

Note 1

Sind zwei Vektoren v\vec{v} und w\vec{w} zu ein und derselben Geraden parallel, so ist w\vec{w} ein Vielfaches von v\vec{v}, d.h.

w=tv\vec{w} = t\vec{v}
Definition 3: kollinear

Zwei Vektoren v\vec{v} und w\vec{w}, für die $$ \vec{w}=t\vec{v}

Definition 4: Einheitsvektor

Ein Vektor mit Betrag 11 heisst Einheitsvektor.

Insbesondere bezeichnen wir die Einheitsvektoren in xx- bzw. yy-Richtung mit ex\vec{e}_x bzw. ey\vec{e}_y.

Addition und Subtraktion

Man legt fest

Definition 5: Vektorsumme

Die Summe v+w\vec{v}+\vec{w} zweier Vektoren v\vec{v} und w\vec{w} ist der Vektor u\vec{u}, den man durch Aneinandersetzen von v\vec{v} und w\vec{w} erhält. (Vektorsummen kommentiert)

Der Summenvektor u=v+w\vec{u} = \vec{v}+\vec{w} hat seinen Anfangspunkt im Anfangspunkt des ersten Summanden und seinen Endpunkt im Endpunkt des zweiten Summanden:

AB+BC=AC\vec{AB}+\vec{BC} = \vec{AC}
Note 2

u=v+w\vec{u} = \vec{v}+\vec{w} entspricht der Diagonalen des von v\vec{v} und w\vec{w} aufgespannten Parallelogramms.

Definition 6: Subtraktion

Die Subtraktion wird auf die Addition zurückgeführt:

u=vw=v+(w)\vec{u} = \vec{v}-\vec{w} = \vec{v}+(-\vec{w})

Man subtrahiert den Vektor w\vec{w} vom Vektor v\vec{v}, indem man zu v\vec{v} den Gegenvektor von w\vec{w} addiert. Aus u=vw\vec{u} = \vec{v}-\vec{w} ergibt sich sofort u+w=v\vec{u}+\vec{w} = \vec{v}. Um die Differenz vw\vec{v}-\vec{w} zu erhalten, genügt es, die Vektoren v\vec{v} und w\vec{w} an einem Punkt PP anzutragen und den Vektor aufzusuchen, der vom Endpunkt des Vektors w\vec{w} zum Endpunkt des Vektors v\vec{v} reicht.

Note 3

Mit dieser Definition erzielt man auch eine Übereinstimmung mit dem in der Physik experimentell nachgewiesenen "Kräfteparallelogramm". Wenn an einem Körper die Kräfte F1\vec{F}_1 und F2\vec{F}_2 am gleichen Punkt angreifen, dann können sie durch die resultierende Kraft FR\vec{F}_R ersetzt werden, welche die vektorielle Summe der angreifenden Kräfte ist:

FR=F1+F2\vec{F}_R = \vec{F}_1 + \vec{F}_2
Exercise 1: Addiere!

Gegeben seien die Vektoren u,v\vec{u},\vec{v} und w\vec{w}.

\begin{center} \includegraphics{tikz_9.png} \end{center} Skizziere:

a) r=uv\vec{r}=\vec{u}-\vec{v}

b) a=u2v+0.5w\vec{a}=\vec{u}-2\vec{v}+0.5\vec{w}

Solution

\includegraphics{tikz_10.png} \includegraphics{tikz_11.png}

Exercise 2: Schwimmer

Ein Schwimmer (vs=1.5m/sv_s = 1.5\,\mathrm{m/s}) will einen 20m20\,\mathrm{m} breiten Fluss (vF=1.2m/sv_F = 1.2\,\mathrm{m/s})

a) auf kürzestem Wege,

b) auf schnellstem Wege

überqueren. Berechne jeweils die Dauer und zusätzlich den Vorhaltewinkel und die Abdrift.

Solution

a) Wir wollen rechtwinklig zum Ufer schwimmen. Also müssen wir etwas vorhalten, so dass das Dreieck vS\vec{v}_S, vF\vec{v}_F und vR\vec{v}_R, der resultierende Vektor rechwinklig ist. Also gilt

vR=vS2vF2=0.9v_R = \sqrt{v_S^2-v_F^2} = 0.9

und damit hat man für 2020 Meter etwas mehr als 2222 Sekunden. Der Vorhaltewinkel beträgt arcsin(vFvS)53\arcsin(\frac{v_F}{v_S}) \approx 53^\circ.

(Lösung Schwimmer kommentiert)

Exercise 3: Mittellinie

Zeige, dass die Mittellinie eines Dreiecks halb so lang wie die Grundlinie und parallel zu dieser ist.

Solution

Der Skizze nach ist

MbMa=0.5AC+0.5CB=0.5(AC+CB)=0.5AB\vec{M_bM_a}=0.5\vec{AC}+0.5\vec{CB}=0.5(\vec{AC}+\vec{CB})=0.5\vec{AB}

Also ist die Mittellinie halb so lang wie die Grundlinie und parallel dazu.

Exercise 4: Diagonale im Parallelogramm

Halbieren sich in einem Viereck die Diagonalen, so ist es ein Parallelogramm?!

Und, hat man ein Parallelogramm, so halbieren sich die Diagonalen.

Solution

Es muss AD=λAC+μBD=\vec{AD} = \lambda\vec{AC}+\mu\vec{BD} = und somit auch BC=(1μ)BD+(1λ)BC=\vec{BC} = (1-\mu)\vec{BD}+(1-\lambda)\vec{BC} =. Wegen AD=BC\vec{AD} = \vec{BC} folgt

λAC+μBD=(1μ)BD+(1λ)AC\lambda\vec{AC}+\mu\vec{BD} = (1-\mu)\vec{BD}+(1-\lambda)\vec{AC}

und daraus, da AC∦BD\vec{AC}\not\parallel\vec{BD}, die Gleichungen 1λ=λ1-\lambda = \lambda und 1μ=μ1-\mu = \mu. Das heisst λ=12=μ\lambda = \frac{1}{2} = \mu. Somit halbieren sich die Diagonalen.

Man sieht sofort, dass, falls sich die Diagonalen halbieren, das Viereck ein Parallelogramm ist. Man notiere dazu einfach zwei parallele Seiten und drücke sie über die halbierten Diagonalen aus. Also haben wir sogar Äquivalenz. (Diagonalen im Parallelogramm halbiert kommentiert)

Ein ausserordentlich nützlicher Satz lässt sich über nicht kollineare Vektoren formulieren:

Theorem 1

Sind v\vec{v} und w\vec{w} nicht kollinear und

λv+μw=0,\lambda\vec{v}+\mu\vec{w} = \vec{0},

dann muss λ=0\lambda=0 \emph{und} μ=0\mu=0 sein.

Proof

Es seien v\vec{v} und w\vec{w} nicht kollinear abhängig und λv+μw=0\lambda\vec{v}+\mu\vec{w} = \vec{0}. OEdA λ0\lambda \neq 0, dann gälte v=μλw\vec{v} = -\frac{\mu}{\lambda}\vec{w}. Dies ist ein Widerspruch zur Annahme, dass v\vec{v} und w\vec{w} nicht kollinear sind. Analog geht man für μ\mu vor.

Die lineare Unabhängigkeit zweier Vektoren v\vec{v} und w\vec{w} lässt sich geometrisch veranschaulichen, wenn man die Diagonale des von λv\lambda\vec{v} und μw\mu\vec{w} aufgespannten Parallelogramms betrachtet. Diese Diagonale entspricht nur dann dem Nullvektor, wenn λ=0\lambda=0 und zugleich μ=0\mu=0 wird.

Definition 7: linear unabhängig

Man nennt zwei nicht kollineare Vektoren linear unabhängig.

Vektoren im Koordinatensystem

Wir wollen in diesem Kapitel ein rechtwinkliges Koordinatensystem zugrunde legen.

Durch Parallelverschiebung kann man Repräsentanten von Vektoren so verschieben, dass ihre Anfangspunkte auf den Ursprung OO eines rechtwinkligen Koordinatensystems zu liegen kommen. Diese an den Ursprung gebundenen Repräsentanten nennt man Ortsvektoren.

Die zweidimensionalen Einheitsvektoren ex\vec{e}_x und ey\vec{e}_y in Richtung der xx-Achse bzw. yy-Achse werden Basisvektoren genannt. Sie erlauben es als Basis einen beliebigen Ortsvektor v\vec{v} der xyxy-Ebene als Linearkombination der Basisvektoren zu schreiben.

Die Vektoren λex\lambda\vec{e}_x und μey\mu\vec{e}_y der Zerlegung von v\vec{v} nennt man die vektoriellen Komponenten von v\vec{v} bezüglich der Basis {ex,ey}\{\vec{e}_x,\vec{e}_y\}. Die Koeffizienten λ\lambda und μ\mu in der Zerlegung des Vektors

v=λex+μey\vec{v} = \lambda\vec{e}_x+\mu\vec{e}_y

nennt man die skalaren Komponenten oder die \definition{Koordinaten} des Vektors v\vec{v} bezüglich der Basis {ex,ey}\{\vec{e}_x,\vec{e}_y\}.

Note 4

Will man Punktkoordinaten und Vektorkoordinaten voneinander unterscheiden, so kann man Punktkoordinaten nebeneinander, zum Beispiel P(34)P(-3|4), und Vektorkoordinaten untereinander schreiben. Exemplarisch

v=(37).\vec{v} = \begin{pmatrix}3\\7\end{pmatrix}.

Wir identifizieren einen Punkt einfach mit dem entsprechenden Ortsvektor. Aus dem Kontext geht jeweils klar hervor, ob man mit Punkten oder Vektoren arbeitet.

Note 5

Statt v=xex+yey\vec{v}= x\cdot\vec{e}_x+y\cdot\vec{e}_y schreiben wir kompakter:

(xy)\begin{pmatrix}x\\y\end{pmatrix}
Theorem 2

Für die Länge von v=(xy)\vec{v}=(x|y) gilt

v=x2+y2.v=\sqrt{x^2+y^2}.
Proof

Der Satz folgt direkt aus dem Satz von Pythagoras und ex=1=ey|\vec{e}_x| = 1 = |\vec{e}_y|.