Grenzwerte

Konvergenz und Divergenz

Wir wenden uns in diesem Kapitel den Gliedern mit hohen Nummern zu und werden versuchen, Aussagen über ihr Verhalten zu machen, wenn kk gegen Unendlich strebt, kk\to\infty.

Exercise 1: Wohin des Weges?

Berechne für k=10,11,103,103+1,106,106+1k=10,11,10^3,10^3+1,10^6,10^6+1 die Glieder der Zahlenfolge mit

a) ak=5+1ka_k=5+\frac{1}{k}

b) bk=(1)k3000kb_k=(-1)^k\cdot\frac{3000}{k}

c) ck=k3c_k=k^3

Solution

a) a10=5110a_{10}=\tfrac{51}{10}, a11=285a_{11}=\tfrac{28}{5}, a1000=50011000a_{1000}=\tfrac{5001}{1000}, a1001=50061001a_{1001}=\tfrac{5006}{1001}, a106=5000001106a_{10^6}=\tfrac{5\,000\,001}{10^6}, a106+1=5000006106+1a_{10^6+1}=\tfrac{5\,000\,006}{10^6+1}

b) b10=300b_{10}=300, b11=300011b_{11}=-\tfrac{3000}{11}, b1000=3b_{1000}=3, b1001=30001001b_{1001}=-\tfrac{3000}{1001}, b106=31000b_{10^6}=\tfrac{3}{1000}, b106+1=3000106+1b_{10^6+1}=-\tfrac{3000}{10^6+1}

c) c10=103c_{10}=10^3, c11=113c_{11}=11^3, c1000=109c_{1000}=10^9, c1001=10013c_{1001}=1001^3, c106=1018c_{10^6}=10^{18}, c106+1=(106+1)3c_{10^6+1}=(10^6+1)^3

Note 1

Wir können also das Verhalten von Folgen für grosse kNk\in\mathbb{N} in drei wesentliche Fälle aufteilen.

  • Die Glieder der Folge streben für kk\to\infty genau einer reellen Zahl, einem Grenzwert, zu. (konvergent)
  • Die Glieder der Folge werden für kk\to\infty betragsmässig grösser als jede noch so grosse Zahl. (divergent)
  • Die Glieder der Folge verhalten sich nicht so wie in den beiden andern Fällen.

Der Konvergenzbegriff

Um den Begriff der Konvergenz exakter zu formulieren, betrachten wir ein Beispiel. Wir definieren zuerst:

Definition 1: Epsilon-Umgebung

Sei ε>0\varepsilon>0 eine positive reelle Zahl und gRg\in\mathbb{R} beliebig. Das offene Intervall (gε,g+ε)(g-\varepsilon,g+\varepsilon) heisst ε\varepsilon-Umgebung von gg.

Example 1

Wir betrachten die Zahlenfolge

ak=2+(1)k4ka_k=2+(-1)^k\cdot\frac{4}{k}

und berechnen die ersten 88 Glieder der Folge. Wir bemerken g=2g=2 und ε=1\varepsilon=1, zeichnen also die 11-Umgebung um den vermuteten Grenzwert 22.

Je grösser die Nummern der Glieder gewählt werden, desto näher sind diese beim Wert 22. In diesem Beispiel sieht man, dass alle Glieder ab der Nummer N=4N=4 in unserer gewählten Umgebung liegen.

ak2<1fu¨k>4.|a_k-2|<1\quad\text{für }k>4.

Wählt man statt ε=1\varepsilon=1 nun ein kleineres ε\varepsilon, so kann man bei dieser Folge wieder eine bestimmte Nummer NN finden, ab welcher die aka_k mit k>Nk>N in dieser neuen ε\varepsilon-Umgebung liegen. Weil also dieses NN von der Grösse der Umgebung abhängt, schreibt man oft deutlicher N(ε)N(\varepsilon). Wir nennen diese Nummer Stichzahl.

Exercise 2: Stichzahl

Berechne zu obiger Folge die Stichzahl N(1100)N(\tfrac{1}{100}) für den Grenzwert g=2g=2, den wir ja zu kennen glauben.

Solution

Wir wollen ak2<1100|a_k-2|<\tfrac{1}{100}. Es folgt

ak2<11002+(1)k4k2<1100(1)k4k<11004k<1100400<k\begin{align*} |a_k-2| &< \tfrac{1}{100}\\ |2+(-1)^k\frac{4}{k}-2| &< \tfrac{1}{100}\\ |(-1)^k\frac{4}{k}| &< \tfrac{1}{100}\\ \frac{4}{k} &< \tfrac{1}{100}\\ 400 &< k \end{align*}

Also ist die Stichzahl N=400N=400 und alle Glieder von 401401 an aufwärts sind in der ε\varepsilon-Umgebung.

Damit ist N(0.01)=400N(0.01) = 400. Vom 401.401. Glied an liegen alle Glieder der Folge in der 1100\tfrac{1}{100}-Umgebung von 22. Entsprechend gilt für alle Glieder mit den Nummern k>4000000k > 4\,000\,000: ak2<0.000001|a_k - 2| < 0.000001. Durch passende Wahl einer Gliednummer NN kann man bei dieser Folge immer erreichen, dass von dieser Nummer an alle Betragsdifferenzen ak2|a_k - 2| kleiner als jede noch so klein gewählte Zahl ε\varepsilon ausfallen. Man sagt dann: „die Folge ak\langle a_k\rangle konvergiert gegen den Grenzwert g=2g=2“.

Definition 2: Konvergenz

Eine Folge ak\langle a_k\rangle heisst konvergent mit Grenzwert gg, wenn zu jeder noch so kleinen ε\varepsilon-Umgebung von gg eine Stichzahl N(ε)N(\varepsilon) so existiert, dass alle Glieder aka_k mit k>N(ε)k > N(\varepsilon) in dieser Umgebung liegen. Kurz:

ε>0N(ε) so, dass akg<εk>N(ε)\forall\varepsilon>0\quad\exists N(\varepsilon)\text{ so, dass }|a_k-g|<\varepsilon\quad\forall k>N(\varepsilon)

(Konvergenz kommentiert)

Note 2

Konvergiert die Folge ak\langle a_k\rangle gegen den Grenzwert gg, so schreibt man dafür

limkak=g\lim_{k\to\infty}a_k=g

Für die bestimmt divergenten Folgen, deren Glieder gegen \infty oder gegen -\infty streben, benutzt man die gleiche Symbolik und schreibt:

limkak= bzw. limkak=\lim_{k\to\infty}a_k=\infty\quad\text{ bzw. }\quad\lim_{k\to\infty}a_k=-\infty

Das Symbol \infty stammt von John Wallis (1616–1703), der Begriff limes (lat. Grenze) von Isaac Newton (1643–1716).

Exercise 3: N(\varepsilon)

Untersuche die Folge mit

a) ak=5k+1a_k=\tfrac{5}{k+1}

b) bk=7k+82k3b_k=\tfrac{7k+8}{2k-3}

c) ck=kk2+1c_k=\tfrac{k}{k^2+1}

d) xk=k23x_k=k^2-3

e) yk=sin(π2k)y_k=\sin(\frac{\pi}{2}k)

auf Konvergenz. Berechne, falls die Folge konvergent ist, die Nummern N(103)N(10^{-3}) und N(ε)N(\varepsilon) für ein beliebiges ε\varepsilon.

Solution

a) ak\langle a_k\rangle konvergiert gegen 00. ak0<ε|a_k-0|<\varepsilon, d.h. 5k+1<ε\tfrac{5}{k+1}<\varepsilon. Da kNk\in\mathbb{N} ist der Term strikt positiv:

5k+1<ε5<(k+1)ε5ε1<k\begin{align*} \frac{5}{k+1} &< \varepsilon\\ 5 &< (k+1)\varepsilon\\ \frac{5}{\varepsilon}-1 &< k \end{align*}

b) bk\langle b_k\rangle konvergiert gegen 72\tfrac{7}{2}. bk72<ε|b_k-\tfrac{7}{2}|<\varepsilon, d.h. 7k+82k372<ε\left|\tfrac{7k+8}{2k-3}-\tfrac{7}{2}\right|<\varepsilon. Für k>2k>2 ist der Term strikt positiv:

7k+82k372<ε2(7k+8)7(2k3)<(4k6)ε37+6ε4ε<k374ε+32<k\begin{align*} \frac{7k+8}{2k-3}-\frac{7}{2} &< \varepsilon\\ 2(7k+8)-7(2k-3) &< (4k-6)\varepsilon\\ \frac{37+6\varepsilon}{4\varepsilon} &< k\\ \frac{37}{4\varepsilon}+\frac{3}{2} &< k \end{align*}

c) ck\langle c_k\rangle konvergiert gegen 00. ck0=kk2+1<ε|c_k-0|=\tfrac{k}{k^2+1}<\varepsilon. Wir rechnen

kk2+1<εk<ε(k2+1)0<εk2k+εk1>1+14ε22ε\begin{align*} \tfrac{k}{k^2+1} &< \varepsilon\\ k &< \varepsilon(k^2+1)\\ 0 &< \varepsilon k^2-k+\varepsilon\\ k_1 &> \frac{1+\sqrt{1-4\varepsilon^2}}{2\varepsilon} \end{align*}

was sinnvoll für ε12\varepsilon\leq\frac{1}{2} ist. Für ε=12\varepsilon = \frac{1}{2} kriegt man N=1N=1, also k>1k>1.

d) xk=k23x_k=k^2-3 ist divergent.

e) yk=sin(π2k)y_k=\sin(\frac{\pi}{2}k) ist weder konvergent noch divergent.

Note 3

Die Eulersche Zahl hatten wir definiert als

e:=limn0(1+1n)n.\mathrm{e} := \lim_{n\to0}\left(1+\frac{1}{n}\right)^n.

Über den binomischen Lehrsatz findet man die äquivalente Definition als Summe:

e:=k=01k!.\mathrm{e} := \sum_{k=0}^\infty \frac{1}{k!}.
Exercise 4: Näherung der Eulerschen Zahl

Berechne mit der Summendarstellung von oben einen Näherungswert von e\mathrm{e} mit den ersten vier Summanden.

Solution

Man erhält e1+1+12+16=83=2.6\mathrm{e} \approx 1+1+\frac{1}{2}+\frac{1}{6} = \frac{8}{3} = 2.\overline{6}.

Exkurs Cauchy-Folgen

Man kann die Konvergenz einer Folge auch nachweisen, ohne den Grenzwert zu kennen. Das von Augustin Louis Cauchy (1789–1857) stammende Konvergenzkriterium besagt nämlich, dass eine Folge konvergiert, wenn der Unterschied beliebiger Folgenglieder mit genügend grosser Nummer kleiner als jede vorgegebene positive reelle Zahl ist. Dies motiviert die

Definition 3: Cauchy-Folge

Eine Folge akkN\langle a_k\rangle_{k\in\mathbb{N}} heisst Cauchy-Folge, falls

ε>0NN so, dass anam<εn,mN.\forall\varepsilon>0\quad\exists N\in\mathbb{N}\text{ so, dass } |a_n-a_m|<\varepsilon\quad\forall n,m\geq N.
Definition 4: monoton

Eine Folge ak\langle a_k\rangle heisst monoton wachsend, wenn ak+1aka_{k+1}\geq a_k, resp. monoton fallend, wenn ak+1aka_{k+1}\leq a_k für alle kk ist.

Definition 5: beschränkt

Eine Folge ak\langle a_k\rangle heisst beschränkt, wenn es eine positive Zahl MM mit ak<M  kN|a_k|< M\;\forall k\in\mathbb{N} gibt.

Exercise 5: 🧩

Untersuche folgende Folgen:

a) ak=1ka_k=\tfrac{1}{k}. Zeige, dass es sich um eine Cauchy-Folge handelt.

b) bk=21kb_k=2-\tfrac{1}{k}. Bestimme, ob die Folge monoton wachsend oder fallend ist, und gib ihren Grenzwert an.

Solution

a) Seien m,nNm,n\in\mathbb{N}. Wir zeigen zuerst, dass für n,mNn,m\geq N

aman1N|a_m-a_n|\leq\frac{1}{N}

gilt.
OEdA mnm\leq n. Dann

aman=1m1n=1m1n=nmmn|a_m-a_n| = \left|\frac{1}{m}-\frac{1}{n}\right| = \frac{1}{m}-\frac{1}{n} = \frac{n-m}{mn}

Sicher n<n+mn < n + m und daraus 0nm<n0\leq n-m < n. Damit folgt

nmmn<nmn=1m1N\frac{n-m}{mn} < \frac{n}{mn} = \frac{1}{m} \leq \frac{1}{N}

wie behauptet.
Für jedes ε>0\varepsilon>0 wähle N>1εN>\tfrac{1}{\varepsilon}, dann ist anam<ε|a_n-a_m|<\varepsilon. Also ist ak\langle a_k\rangle eine Cauchy-Folge.

b) bk+1bk=(21k+1)(21k)=1k1k+1>0b_{k+1}-b_k=\left(2-\frac{1}{k+1}\right)-\left(2-\frac{1}{k}\right)=\frac{1}{k}-\frac{1}{k+1}>0.
Also ist bk\langle b_k\rangle monoton wachsend. Der Grenzwert ist limkbk=2\lim_{k\to\infty}b_k=2.