Momentane Änderungsrate

Wir betrachten eine beliebige, zeitlich veränderliche Situation, deren einzelne Zustände durch die Funktion f(t)f(t) beschrieben werden können. Man kann relativ einfach eine durchschnittliche Änderung des Funktionswertes über einem Bereich [t1,t2][t_1,t_2] angeben, indem man die zu zwei bestimmten Zeitpunkten t1t_1 und t2t_2 gebildete Differenz der zugehörigen Funktionswerte f(t1)f(t_1) und f(t2)f(t_2) durch die Zeitspanne dividiert:

m=A¨nderung von f(t)A¨nderung von t=f(t2)f(t1)t2t1=:ΔfΔtm = \frac{\text{Änderung von }f(t)}{\text{Änderung von }t} = \frac{f(t_2)-f(t_1)}{t_2-t_1} =: \frac{\Delta f}{\Delta t}

Man bezeichnet üblicherweise einen Zuwachs der Variablen tt mit Δt\Delta t und die entsprechende Änderung des Funktionswertes zwischen den Zeitpunkten tt und t+Δtt+\Delta t mit Δf\Delta f.

Da Zähler und Nenner jeweils Differenzen sind, heisst der Bruch Differenzenquotient; er gibt die Sekantensteigung über dem betrachteten Intervall an.

Jetzt betrachten wir den Bruch ΔfΔt\frac{\Delta f}{\Delta t} und lassen Δt\Delta t gegen Null streben: Zu Beginn gibt der Differenzenquotient die durchschnittliche Änderungsrate des Funktionswertes zwischen den Zeitpunkten tt und t+Δtt+\Delta t an. Wenn nun Δt\Delta t gegen Null strebt, so strebt Δf\Delta f auch gegen Null. Der Differenzenquotient ΔfΔt00\frac{\Delta f}{\Delta t}\to\frac{0}{0} kann jedoch als Grenzwert limΔt0ΔfΔt\lim_{\Delta t\to0}\frac{\Delta f}{\Delta t} existieren. Dieser Grenzwert ist, falls er existiert, die momentane Änderungsgesrate des Funktionswertes f(t)f(t) zum Zeitpunkt tt. Man schreibt dafür

dfdt:=limΔt0ΔfΔt\frac{\mathrm{d}f}{\mathrm{d}t} := \lim_{\Delta t\to0}\frac{\Delta f}{\Delta t}

und nennt diesen Grenzwert Differenzialquotient; er gibt die Tangentensteigung an der Stelle tt an.

Das Gesetz des freien Falls nach Galilei

Nach jahrelangen Experimenten und vielen theoretischen Anläufen konnte Galilei 1585 die Gesetze des freien Falls aufstellen: Ein auf die Erde herabfallender Körper legt in der Zeit tt den Weg

s(t)=4.9t2s(t)=4.9 t^2

zurück. Nach der Zeit tt hat der Körper die Geschwindigkeit v(t)=9.8tm/sv(t)=9.8t\,\mathrm{m/s}, seine Beschleunigung ist zu jedem Zeitpunkt konstant, nämlich 9.8m/s29.8\,\mathrm{m/s^2}.

Mit der von Newton und Leibniz entdeckten Infinitesimalrechnung braucht man nur die Wegstreckenfunktion s(t)=4.9t2s(t)=4.9t^2 zu kennen. Die Geschwindigkeit ist die Änderung des Weges relativ zur Zeit, also der Differenzialquotient

limΔt0ΔsΔt=limΔt04.9(t+Δt)24.9t2Δt\lim_{\Delta t\to0}\frac{\Delta s}{\Delta t}=\lim_{\Delta t\to0}\frac{4.9(t+\Delta t)^2-4.9t^2}{\Delta t}

und kann berechnet werden:

v(t)=limΔt04.92t+4.9Δt=9.8t.v(t)=\lim_{\Delta t\to0}4.9\cdot 2t+4.9\Delta t=9.8t.
Exercise 1: Geschwindigkeit

Rechne nach, dass aus s(t)s(t) mit Hilfe des Differentialquotienten v(t)v(t) folgt.

SolutionlimΔt0ΔsΔt=limΔt04.9(t+Δt)24.9t2Δt=limΔt04.9(t2+2tΔt+Δt2)4.9t2Δt=limΔt04.9(t2+2tΔt+Δt2)4.9t2Δt=limΔt09.8tΔt+4.9Δt2Δt=limΔt09.8t+4.9Δt=9.8t\begin{align*} \lim_{\Delta t\to0}\frac{\Delta s}{\Delta t} &= \lim_{\Delta t\to0}\frac{4.9(t+\Delta t)^2-4.9t^2}{\Delta t}=\lim_{\Delta t\to0}\frac{4.9(t^2+2t\Delta t+\Delta t^2)-4.9t^2}{\Delta t}\\ &= \lim_{\Delta t\to0}\frac{4.9(t^2+2t\Delta t+\Delta t^2)-4.9t^2}{\Delta t}=\lim_{\Delta t\to0}\frac{9.8t\Delta t+4.9\Delta t^2}{\Delta t}\\ &= \lim_{\Delta t\to0}9.8t+4.9\Delta t=9.8t \end{align*}

Die Beschleunigung a(t)a(t) ist die Veränderung der Geschwindigkeit relativ zur Zeit, also der Differenzialquotient

limΔt0ΔvΔt=limΔt09.8(t+Δt)9.8tΔt=9.8m/s2\lim_{\Delta t\to0}\frac{\Delta v}{\Delta t} = \lim_{\Delta t\to0}\frac{9.8(t+\Delta t)-9.8t}{\Delta t} = 9.8 \,\mathrm{m/s^2}

Die Beschleunigung ändert sich nicht mehr mit der Zeit, sie ist konstant. Das hinter dem freien Fall stehende Naturgesetz, dass jeder frei fallende Körper mit der konstanten Beschleunigung gg von etwa 9.8m/s29.8\,\mathrm{m/s^2} auf die Erde fällt, tritt klar und ohne grossen Aufwand ans Licht.

Leibniz oder Newton?

Leibniz oder Newton?

Noch heute wird Newton als der grösste Physiker und als einer der grössten Mathematiker bezeichnet. Albert Einstein schrieb:

Für Newton war die Natur ein offenes Buch, dessen Buchstaben er mühelos lesen konnte.

Newton selbst sagte:

Mir selbst kommt es vor, als wäre ich wie ein Knabe gewesen, der am Strand des Meeres spielt und sich damit vergnügt, hier und da einen glatteren Kiesel oder eine schönere Muschel zu finden, während der grosse Ozean der Wahrheit unentdeckt vor mir lag.

An anderer Stelle erklärt er bescheiden, er habe nur deshalb weiterschauen können, weil er auf den "Schultern von Riesen" gestanden habe. Damit meinte er in erster Linie Archimedes (287 - 212 v.Chr.), Johannes Kepler (1571 - 1630), Galileo Galilei (1564 - 1642), Blaise Pascal (1623 - 1662), Pierre de Fermat (1601 - 1665) und René Descartes` (1596 - 1650).

Newtons Ergebnisse (Axiome, freier Fall, Planetenbewegung, Gravitation, Berechnung der Gezeiten, \dots), die schon 1671 in einem druckfertigen Manuskript vorlagen, erschienen erst 1687 in seinem Buch "Philosophiae naturalis principia mathematica", in dem die Bewegungsgesetze formuliert und damit die Grundlagen der Mechanik gelegt wurden. Erst durch Einstein wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Newton'sche Physik in einen noch tieferen Zusammenhang, den der Relativitätstheorie, eingebettet.

Leibniz war nicht nur ein bedeutender Mathematiker. Er sprach schon mit 12 Jahren griechisch und lateinisch, war Philosoph, Historiker, Jurist und Diplomat. Er lieferte wesentliche Beiträge zur Mechanik, Biologie und theoretischen Logik. 1700 gründete er die Berliner Akademie der Wissenschaften, war Erfinder einer Rechenmaschine, einer Universalsprache. Er machte unzählige alchemistische Versuche, kümmerte sich um Wasserförderung in den Bergwerken, Seidenraupenzucht und technische Verbesserungen von Maschinen. Leibniz war ein Universalgenie. 1675 gelingt Leibniz, unabhängig von Newton, die Entdeckung des "Calculus", wie er seine Version der Infinitesimalrechnung nannte. Er veröffentlichte bereits ab 1684 seine Ergebnisse. Dies führte denn auch zu einem hässlichen Prioritätsstreit.

Im diametralen Gegensatz zu seinem Rivalen Newton, der 1705 geadelt und 1727 feierlich mit einem Staatsbegräbnis in der Londoner Westminster Abtei beigesetzt wurde, war Leibniz bei seinem Fürsten in Ungnade gefallen und starb einsam und völlig verarmt.

Die Leibniz-Notation

Die rasche Verbreitung der Leibniz'schen Methoden und ihrer weitgefächerten Anwendungen auf dem Kontinent ist vor allem seiner genialen Wahl der Bezeichnungen und Symbole zu verdanken. Sein Notationssystem

dydx\frac{\mathrm{d}y}{\mathrm{d}x}

für den Differenzialquotienten,

ydx\int y\,\mathrm{d}x

für das Integral, wird noch heute so benutzt. Mit dieser Schreibweise war es möglich, Ergebnisse herzuleiten, ohne die tieferen Zusammenhänge zu verstehen.

Analysis

Das Teilgebiet Analysis

An der weiteren Entwicklung der Infinitesimalrechnung sind vor allem die Basler Mathematiker Jakob und Johann Bernoulli (1654 - 1705, 1667 - 1748) beteiligt. Von Johann Bernoulli stammt auch die Bezeichnung Integral. Beide Brüder waren Anhänger Leibniz und Newton gegenüber eher feindlich gesinnt.

Den wahren Durchbruch der Infinitesimalrechnung in den Naturwissenschaften und insbesondere der Mechanik aber erreichte der in Riehen geborene Leonhard Euler (1707 - 1783). 1979 wurde ihm zu Ehren die bis 1997 gebräuchliche 10-Franken Note gestaltet. Auf der Vorderseite erkannte man eine Zeichnung des idealen Zahn-Profils eines Zahnrades, eine von Eulers zahlreichen Entdeckungen. Den Hintergrund bildeten Diagramme, die Euler zur Darstellung logischer Schlüsse verwandte. Die drei Motive auf der Rückseite zeigten: Eine von Euler auf Grund von Berechnungen entworfene Wasserturbine, deren Grundidee noch heute bei modernen Turbinen in den Kohle- und Kernkraftwerken verwendet wird, ein Schema eines Strahlengangs durch ein System von Linsen, und eine Darstellung unseres Sonnensystems im Zusammenhang mit Eulers Mondtheorie, die für die Schifffahrt wichtigen Tafeln der Mondbewegung enorm verbesserte.

Eulers gesammelte Werke, die seit Jahrzehnten in Basel und Leningrad neu herausgegeben werden, umfassen bis jetzt etwa 100 Quartbände. Euler gilt als der letzte Mathematiker, der noch die gesamte zeitgenössische Mathematik beherrschte.

Im 19. Jahrhundert waren es neben Lagrange vor allem Pierre Simon Laplace (1749 - 1823), Adrien Marie Legendre (1752 - 1833), Augustin Louis Cauchy (1789 - 1864), Carl Friedrich Gauss (1777 - 1855), Bernhard Riemann (1826 - 1866) und Karl Weierstrass (1815 - 1897), die eine strenge Begründung und einen weiteren Ausbau der Infinitesimalrechnung erreichten.

In früheren Aufgaben wurde die durchschnittliche Änderung einer Grösse berechnet; beispielsweise die durchschnittliche Geschwindigkeit einer Rakete, wenn man das Weg-Zeit-Diagramm kennt:

vˉ=ΔsΔt\bar{v}=\frac{\Delta s}{\Delta t}

wobei Δs\Delta s die Höhendifferenz und Δt\Delta t die Länge des zugehörigen Zeitintervalls ist. Wie gross ist aber die Geschwindigkeit zu einem bestimmten Zeitpunkt, zum Beispiel 15s15\,\mathrm{s} nach dem Start? Einen ersten, noch ungenauen Näherungswert für die gesuchte Momentangeschwindigkeit liefert sicher die mittlere Geschwindigkeit im Zeitintervall [15,20][15,20]. Durch die Verkleinerung des Zeitintervalls kann die Genauigkeit verbessert werden.

Exercise 2: Freier Fall

Fällt ein Körper aus der Ruhelage im freien Fall tt Sekunden lang, so lässt sich der zurückgelegte Weg ss (in Meter) annähernd durch

s(t)=5t2s(t)=5t^2

berechnen.

Berechne die Durchschnittsgeschwindigkeiten in den Zeitintervallen [3,3.5][3,3.5], [3,3.2][3,3.2], [3,3.1][3,3.1], [3,3.05][3,3.05]. Wie gross ist die Momentangeschwindigkeit nach genau drei Sekunden?

Solution

Man hat für ΔsΔt\frac{\Delta s}{\Delta t} und die immer kleiner werden Intervalle 32.532.5, 3131, 30.530.5, 30.2530.25 Meter pro Sekunde. Vermutlich ist die Momentangeschwindigkeit nach 3 Sekunden 30m/s30\,\mathrm{m/s}.

Die entsprechende mathematische Formulierung lautet: Die Momentangeschwindigkeit v(t0)v(t_0) zum Zeitpunkt t0t_0 ist der Grenzwert, gegen den die Durchschnittsgeschwindigkeit vˉ\bar{v} im Zeitintervall Δt=t1t0\Delta t=t_1-t_0 strebt, wenn t1t_1 gegen t0t_0 geht (Δt0\Delta t\rightarrow 0). In Formeln:

v(t0)=limt1t0vˉ=limt1t0ΔsΔt=limt1t0s(t1)s(t0)t1t0.v(t_0)=\lim_{t_1\rightarrow t_0}\bar{v}=\lim_{t_1\rightarrow t_0}\frac{\Delta s}{\Delta t}=\lim_{t_1\rightarrow t_0}\frac{s(t_1)-s(t_0)}{t_1-t_0}.

s(t)s(t) bezeichne die bis zum Zeitpunkt tt erreichte Höhe.

Kreistangenten an die Parabel

Tangenten an die Parabel

Wir betrachten die Funktion f(x)=x2f(x) = x^2 an einer Stelle aa; die Sekantensteigungen links- und rechtsseitig sind

a<x:f(x)f(a)xa=x+a>2ax<a:f(a)f(x)ax=x+a<2a.\begin{align*} a<x &: \frac{f(x)-f(a)}{x-a} = x+a > 2a\\ x<a &: \frac{f(a)-f(x)}{a-x} = x+a < 2a. \end{align*}

Mit dem Stetigkeitsargument bekannt aus den Kreistangenten setzen wir die Steigung 2a2a in aa; daraus erhält man die Tangentengleichung

Ta(x)=2axa2.T_a(x) = 2a\cdot x-a^2.

Diese Tangente liegt strikt unterhalb der Tangente, denn

f(x)Ta(x)=(xa)2>0f(x)-T_a(x) = (x-a)^2 > 0

für xax\neq a und 00 bei x=ax=a.

Nun betrachten wir denjenigen Kreis zur Tangente an ff in x=ax=a, dessen Radius senkrecht auf der Tangenten steht und seinen Mittelpunkt auf der Symmetrieachse der Parabel hat; (aa2)(a\mid a^2) ist Berührungspunkt der Parabel und der Tangente. Die Senkrechte auf Ta(x)T_a(x) durch diesen Punkt ist

Na(x)=12ax+a2+12N_a(x) = -\frac{1}{2a}\cdot x +a^2+\frac{1}{2}

und wir erhalten den Mittelpunkt M=Na(0)=(0a2+12)M=N_a(0)=(0\mid a^2+\frac{1}{2}) und den Radius r=a2+14r=\sqrt{a^2+\frac{1}{4}}.

Wir wissen, dass die Parabel oberhalb der Tangente verläuft; wir zeigen noch, dass die Parabel unterhalb des Kreises verläuft - also insgesamt verläuft die Parabel zwischen Kreis und Tangente. Die Kreisgleichung mit y=x2y=x^2 liefert:

x2+(x2(a2+12))2=x2+x42x2(a2+12)+(a2+12)2=(x2a2)2+a2+14>a2+14=r\begin{align*} x^2 + (x^2-(a^2+\frac{1}{2}))^2 &= x^2+x^4-2x^2(a^2+\frac{1}{2})+(a^2+\frac{1}{2})^2\\ &= (x^2-a^2)^2+a^2+\frac{1}{4} > a^2+\frac{1}{4} =r \end{align*}

für xax\neq a und Gleichheit für x=ax=a.

Insgesamt haben wir also für die Parabel y=x2y=x^2 an der Stelle aa die Steigung 2a2a.

Tangenten von Funktionen

Eine Funktion ff sei im betrachteten Intervall [a,b][a,b] stetig. Mit der Steigung der Sekante lässt sich das Änderungsverhalten der Funktion, d.h. die Steigung, an einer beliebigen, aber festgehaltenen Stelle x0[a,b]x_0\in[a,b] in einfacher Weise erklären. Will man nun das Änderungsverhalten der Funktion in x0x_0 exakt bestimmen, so ist dazu die Tangentensteigung im Punkt P=(x0f(x0))P=(x_0\mid f(x_0)) zu berechnen.

Wir haben gesehen, dass sich bei einer Parabel zu jedem Punkt ein Kreis finden lässt, so dass der Graph der Parabel zwischen Kreis und Kreistangente verläuft; also können wir für die Approximationsungleichungen Parabeln statt Kreise verwenden - das ist rechnerisch praktischer:

Definition 1: Tangente an eine Funktion

Die Funktion ff hat an der Stelle aa eine Tangente

Ta(x)=m(xa)+f(a),T_a(x) = m(x-a) + f(a),

wenn es ein Intervall [aδ,a+δ][a-\delta, a+\delta] und eine Konstante BB gibt, so dass

x[aδ,a+δ]:f(x)Ta(x)Bxa2\begin{align*} \forall x\in[a-\delta, a+\delta] : |f(x)-T_a(x)| \leq B\cdot|x-a|^2 \end{align*}

Nachdem die Tangente im Punkt eines Graphen definiert ist, kann das Tangentenproblem rechnerisch formuliert werden. Es genügt, die Steigung der Tangente in PP zu ermitteln, da die Stelle x0x_0 bzw. der Punkt PP gegeben ist, womit die Lage der Tangente eindeutig bestimmt ist.

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Definition 2: Differenzialquotient

Die Steigung der Tangente erhält man für Δx0\Delta x\rightarrow0; sie ist also

limxx0Δf(x0)Δx=limxx0f(x)f(x0)xx0.\lim_{x\rightarrow x_0}\frac{\Delta f(x_0)}{\Delta x}=\lim_{x\rightarrow x_0}\frac{f(x)-f(x_0)}{x-x_0}.

Falls dieser Grenzwert existiert - was ja keinesfalls sicher ist, da sowohl der Zähler als auch der Nenner gegen Null streben (x0x_0 ist eine Unbestimmtheitsstelle) - nennt man ihn den Differenzialquotienten von ff an der Stelle x0x_0.

Der Differenzialquotient ist der wichtigste Begriff der Differenzialrechnung. Mit ihm bewältigten Newton und Leibniz den Übergang von der antiken zur modernen Mathematik, da sie jetzt das momentane Änderungsverhalten einer Funktion bzw. die Steigung des Graphen an einer bestimmten Stelle x0x_0 rechnerisch untersuchen konnten. Sowohl der Name Differenzialquotient als auch die Schreibweise df(x0)dx\frac{\mathrm{d}f(x_0)}{\mathrm{d}x} stammen von Leibniz.

Note 1

Für die praktische Berechnung des Differenzialquotienten ersetzt man xx durch x0+hx_0+h und lässt hh gegen 00 streben. Der Differenzialquotient erhält dann die Form

ddxf(x)x=x0=df(x0)dx=limh0f(x0+h)f(x0)h.\frac{\mathrm{d}}{\mathrm{d}x}f(x)_{x=x_0} = \frac{\mathrm{d}f(x_0)}{\mathrm{d}x} = \lim_{h\rightarrow0}\frac{f(x_0+h)-f(x_0)}{h}.
Exercise 3: Differenzialquotient

Vervollständige die Tabelle mit weiteren Beispielen für lokale Änderungen.

xx f(x)f(x) df(x)dx\frac{\mathrm{d}f(x)}{\mathrm{d}x}
Abszisse Ordinate Graphensteigung
Zeit Ort
Zeit Beschleunigung
Zeit elektrische Ladung
Energie Leistung
chem. Konzentration chem. Reaktionsgeschw
Zeit Wachstumsgeschwindigkeit
Zeit Geldwert
Solution
xx f(x)f(x) df(x)dx\frac{\mathrm{d}f(x)}{\mathrm{d}x}
Abszisse Ordinate Graphensteigung
Zeit Ort Geschwindigkeit
Zeit Geschwindigkeit Beschleunigung
Zeit elektrische Ladung Strom
Zeit Energie Leistung
Zeit chem. Konzentration chem. Reaktionsgeschw
Zeit Population Wachstumsgeschwindigkeit
Zeit Geldwert Inflation/Deflation
Exercise 4: Differenzialquotient für Funktionen

Berechne den Differenzialquotienten der Funktion ff an der Stelle xx und die Steigung der Tangente im Punkt P(xf(x))P(x\mid f(x)). Überprüfe dein Ergebnis mit einer Skizze.

a) f(x)=x2f(x)=x^2 in x=1x=1

b) g(x)=x3g(x)=-x^3 in x=1x=-1

Solution

a)

dfdx=limh0f(x+h)f(x)h=limh0(x+h)2x2h=limh0x2+2xh+h2x2h=limh02xh+h2h=limh02x+h=2x\begin{align*} \frac{\mathrm{d}f}{\mathrm{d}x} &= \lim_{h\to0}\frac{f(x+h)-f(x)}{h}=\lim_{h\to0}\frac{(x+h)^2-x^2}{h}\\ &= \lim_{h\to0}\frac{x^2+2xh+h^2-x^2}{h}\\ &= \lim_{h\to0}\frac{2xh+h^2}{h}=\lim_{h\to0}2x+h=2x \end{align*}

also df(1)dx=2\frac{\mathrm{d}f(1)}{\mathrm{d}x}=2

b)

dgdx=limh0g(x+h)g(x)h=limh0(x+h)3+x3h=limh0x33x2h3xh2h3+x3h=limh0(x+h)3+x3h=limh03x2h3xh2h3h=limh03x23xhh2=3x2\begin{align*} \frac{\mathrm{d}g}{\mathrm{d}x} &= \lim_{h\to0}\frac{g(x+h)-g(x)}{h}=\lim_{h\to0}\frac{-(x+h)^3+x^3}{h}\\ &=\lim_{h\to0}\frac{-x^3-3x^2h-3xh^2-h^3+x^3}{h}\\ &= \lim_{h\to0}\frac{-(x+h)^3+x^3}{h}=\lim_{h\to0}\frac{-3x^2h-3xh^2-h^3}{h}\\ &=\lim_{h\to0}-3x^2-3xh-h^2=-3x^2 \end{align*}

also dg(1)dx=3\frac{\mathrm{d}g(-1)}{\mathrm{d}x}=-3

Exercise 5: Momentangeschwindigkeit

Berechne die Momentangeschwindigkeit zur Zeit t=2t=2 für eine Bewegung mit s(t)=t2+3ts(t)=t^2+3t, wenn tt in Sekunden und s(t)s(t) in Meter angegeben sind.

Solutiondsdt=limh0s(t+h)s(t)h=limh0(t+h)2+3(t+h)(t2+3t)h=limh0(t2+2th+h2)+3(t+h)(t2+3t)h=limh02th+h2+3hh=limh02t+h+3=2t+3\begin{align*} \frac{\mathrm{d}s}{\mathrm{d}t} &= \lim_{h\to0}\frac{s(t+h)-s(t)}{h}=\lim_{h\to0}\frac{(t+h)^2+3(t+h)-(t^2+3t)}{h}\\ &= \lim_{h\to0}\frac{(t^2+2th+h^2)+3(t+h)-(t^2+3t)}{h}=\lim_{h\to0}\frac{2th+h^2+3h}{h}\\ &= \lim_{h\to0}2t+h+3=2t+3 \end{align*}

und damit v(2)=7m/sv(2)=7\,\mathrm{m/s}. (Momentangeschwindigkeit kommentiert)