Ganze Zahlen
Ganze Zahlen
Bis anhin war der bekannte Zahlenbereich die Menge der natürlichen Zahlen, bezeichnet mit dem Symbol . In dieser Menge sind Addition und Multiplikation problemlos möglich. Die Subtraktion stösst jedoch an ihre Grenzen. Eine einfache Aufgabe wie hat in keine Lösung. Dieser Mangel ist nicht nur ein praktisches Problem, sondern auch ein "Schönheitsfehler innerhalb der mathematischen Theorie".
Die Motivation zur Erweiterung des Zahlenbereichs kommt direkt aus dem Alltag, wo Phänomene beschrieben werden müssen, die "unter Null" gehen.
- Temperatur: Fällt die Temperatur von um Grad, muss das Ergebnis darstellbar sein.
- Finanzen: Hebt man von einem Guthaben von 530,60 Fr. einen Betrag von 700 Fr. ab, entsteht ein negativer Kontostand (Soll).
- Geografie: Höhenangaben unter dem Meeresspiegel, wie die der Kattara-Senke in Ägypten (), erfordern negative Zahlen.
Diese Beispiele zeigen, dass eine Erweiterung des Zahlenbereichs unumgänglich ist. Die Erweiterung folgt dabei einem wichtigen Leitprinzip.
Bei der Erweiterung eines Zahlenbereichs sollen die bereits bekannten Rechengesetze (Kommutativ-, Assoziativ- und Distributivgesetz) ihre Gültigkeit behalten. Dies stellt sicher, dass die neue mathematische Struktur eine logische und konsistente Fortsetzung der alten ist.
Die Zahlengerade
Um die Subtraktion uneingeschränkt zu ermöglichen, wird der Zahlenstrahl zur Zahlengerade erweitert. Der bekannte Strahl, der bei Null beginnt, wird nach links über die Null hinaus fortgesetzt. Zu jeder positiven Zahl wird durch Spiegelung am Nullpunkt eine neue, negative Zahl erzeugt. Dieser erweiterte Bereich wird als die Menge der ganzen Zahlen bezeichnet. Sinngemäss wie bei den natürlichen Zahlen kann die Zahl durch den vom Nullpunkt (Ursprung) zum Punkt zeigenden Pfeil dargestellt werden:
Die Menge der ganzen Zahlen, bezeichnet mit dem Symbol , ist definiert als:
Sie besteht aus den natürlichen Zahlen (), ihren Gegenzahlen und der Null.
Bei flüchtiger Betrachtung der Zahlenmengen und könnte man vermuten, dass es mehr ganze Zahlen als natürliche gibt.
Zeige, dass dem nicht so ist.
Solution
Wir konstruieren eine 1-zu-1-Korrespondenz zwischen den beiden Mengen und . Wir ordnen jeder geraden natürlichen Zahl eine positive Zahl in (inkl. ) und jeder ungeraden Zahl eine negative zu.

Offensichtlich gehört also zu jeder natürlichen Zahl genau eine ganze Zahl, und damit haben die Mengen gleich viele Elemente.
Der Absolutbetrag
Zwei Zahlen heissen Gegenzahlen, wenn die zugehörigen Pfeile auf der Zahlengeraden (vom Nullpunkt ausgehend) gleich lang, aber entgegengesetzt gerichtet sind. Die Gegenzahl von wird mit bezeichnet.
Für jede ganze Zahl gilt:
Proof
Die Gegenzahl ist die Spiegelung der Zahl am Ursprung . Es ist zu beachten, dass die Spiegelung selbstinvers ist.
Es ist wichtig, das Minuszeichen als Vorzeichen (Teil des Namens einer Zahl, z. B. in ) und als Rechenzeichen (Aufforderung zur Subtraktion, z. B. in ) zu unterscheiden. Das Minus in ist zunächst ein Vorzeichen.
Die Entfernung des Punktes vom Ursprung, also die Länge des Pfeiles , heisst Absolutbetrag der Zahl . Er wird mit bezeichnet. Die beiden senkrechten Striche nennt man Betragsstriche.
Oft sagt man statt Absolutbetrag kurz Betrag. Algebraisch kann der Betrag einer Zahl wie folgt notiert werden:
Welche Zahlen erfüllen folgende Bedingung? Notiere die Lösung als Menge.
a)
b)
c)
d)
e)
f)
Solution
a)
b)
c)
d)
e)
f)
Beweise die Dreiecksungleichung.
Für alle reellen Zahlen und gilt:
Solution
Da beide Seiten der Ungleichung nicht negativ sind, ist das Quadrieren beider Seiten eine Äquivalenzumformung. Die Ungleichung ist also genau dann wahr, wenn die quadrierte Ungleichung wahr ist:
Nun nutzen wir die fundamentale Eigenschaft des Betrags . Anschliessend wenden wir auf beiden Seiten die erste binomische Formel an:
Es gilt nach Definition des Betrags, also
woraus die Behauptung folgt.
Rechengesetze
Die Regel „Minus mal Minus ergibt Plus“ ist keine willkürliche Festlegung, sondern eine logische Notwendigkeit, um die Widerspruchsfreiheit der Rechengesetze zu erhalten.
Die Gruppierung von Operanden ist beliebig.
Addition:
Multiplikation:
Dieses Gesetz verbindet Addition und Multiplikation.
- Addition: Das neutrale Element ist die (). Jede Zahl hat ein inverses Element, ihre Gegenzahl , sodass .
- Multiplikation: Das neutrale Element ist die (). In haben nur und ein ganzzahliges multiplikatives Inverses.
Historischer Kontext
Die Akzeptanz der negativen Zahlen war ein langer und mühsamer Prozess, der zeigt, dass die konzeptionellen Schwierigkeiten über Jahrhunderte von der gesamten mathematischen Gemeinschaft geteilt wurden.
Negative Zahlen wurden bereits im alten China (schwarze Rechenstäbchen) und in Indien (als "Schulden") verwendet. Griechische und arabische Mathematiker waren skeptisch. Diophant nannte negative Lösungen "unstatthaft". In Europa wurden sie lange mit Misstrauen betrachtet. Michael Stifel nannte sie im 16. Jahrhundert "absurde Zahlen", und selbst Descartes sprach im 17. Jahrhundert noch von "falschen" Lösungen. Die vollständige Integration der negativen Zahlen erfolgte erst im 19. Jahrhundert durch Mathematiker wie George Peacock und Hermann Hankel, die mit dem Permanenzprinzip eine solide theoretische Grundlage schufen.