Potenzfunktionen

Definition 1: Potenzfunktion

Funktionen der Form

f(x)=xn(nZ)f(x)=x^n\quad(n\in\mathbb{Z})

heissen Potenzfunktionen vom Grad nn.

Exercise 1: Graphen von Potenzfunktionen

Zeichne in dasselbe Koordinatensystem die Graphen der Funktionen:

a) x2x^2, x4x^4, x2x^{-2}, x4x^{-4}

b) x3x^3, x5x^5, x1x^{-1}, x3x^{-3}

Solution

Verwende Geogebra und vergleiche mit deinen Plots.

Exercise 2: Cubed

Wenn man den Radius einer Kugel verdoppelt, wie ändert sich dann ihr Volumen?

A B C D
verdoppelt vervierfacht verachtfacht verhundertfacht
Solution

Es verachtfacht sich, 23=82^3=8.

Exercise 3: Boyle-Mariottesches Gesetz

Druck pp und Volumen VV einer abgeschlossenen Gasmenge von konstanter Temperatur genügen dem Boyle-Mariotteschen Gesetz pV=cp \cdot V = c.

Stelle pp als Funktion von VV dar und zeichne den Graphen für c=3barm3c = 3\,\text{bar} \cdot \text{m}^3.

Solution

Die Darstellung von pp als Funktion von VV erhält man durch Umformen der Gleichung:

p(V)=cVp(V) = \frac{c}{V}

Für den spezifischen Fall mit c=3c=3 lautet die Funktionsgleichung:

p(V)=3Vp(V) = \frac{3}{V}

Dies ist eine indirekte Proportionalität. Da Druck und Volumen physikalisch nur positive Werte annehmen können, liegt der Graph im 1. Quadranten. Es handelt sich um einen Ast einer Hyperbel.

Wertetabelle:

VV (in \unit{m^3}) 0.5 1 2 3 6
pp (in \unit{bar}) 6 3 1.5 1 0.5

Der Graph ist eine Kurve, die sich den Achsen nähert, sie aber nie berührt. Die xx-Achse stellt das Volumen VV dar, die yy-Achse den Druck pp.

Note 1

Die Graphen der Funktionen f(x)=xnf(x)=x^n sind für gerade nn achsensymmetrisch zur yy-Achse, da für gerade Exponenten (x)n=xn(-x)^n=x^n gilt. Für ungerade nn sind die Graphen punktsymmetrisch zum Ursprung des Koordinatensystems, da (x)n=xn(-x)^n=-x^n gilt.

Note 2

Es ist klar, dass Potenzfunktionen mit negativen Exponenten nn für x=0x=0 nicht definiert sind. Ihre Graphen bestehen aus zwei «Ästen», die für gerade Exponenten symmetrisch zur yy-Achse und für ungerade Exponenten symmetrisch zum Ursprung liegen. Für xx-Werte von hinreichend grossem Betrag werden die Funktionswerte dem Betrage nach beliebig klein, d. h. der Graph kommt für solche xx-Werte der xx-Achse beliebig nahe. Wir sagen: Die xx-Achse ist Asymptote des Graphen. Für hinreichend nahe bei 00 gelegene xx-Werte werden die Funktionswerte dem Betrage nach beliebig gross, d. h. der Graph kommt für solche xx-Werte der yy-Achse beliebig nahe. Die yy-Achse ist ebenfalls eine Asymptote des Graphen. Die undefinierte Stelle x=0x=0 wird Polstelle genannt.

Polstelle & Asymptote
Definition 2: Polstelle

Eine Funktion ff hat an der Stelle x0x_0 eine Polstelle, wenn x0x_0 eine isolierte Definitionslücke ist und der Betrag des Funktionswerts an dieser Stelle gegen unendlich strebt.

Formal ausgedrückt: Eine Stelle x0x_0 ist eine Polstelle von ff, wenn gilt:

limxx0f(x)=\lim_{x \to x_0} |f(x)| = \infty

Asymptote

Eine Asymptote ist eine Gerade, der sich der Graph einer Funktion ff im Unendlichen annähert.

Definition 3: Asymptote

Eine Funktion g(x)g(x) ist eine Asymptote der Funktion f(x)f(x) für xx \to \infty, wenn der vertikale Abstand zwischen den beiden Funktionsgraphen für xx gegen Unendlich gegen den Wert Null geht.

Formal ausgedrückt bedeutet das:

limx(f(x)g(x))=0\lim_{x \to \infty} (f(x) - g(x)) = 0

Analog gilt dies auch für xx \to -\infty:

limx(f(x)g(x))=0\lim_{x \to -\infty} (f(x) - g(x)) = 0

Wurzelfunktionen

Exercise 4: Graphen von Potenzfunktionen II

Zeichne – in dasselbe Koordinatensystem – die Graphen der Funktionen:

a) f(x)=x2f(x)=x^2 und g(x)=x12=xg(x)=x^\frac{1}{2}=\sqrt{x}

b) f(x)=x3f(x)=x^3 und g(x)=x13=x3g(x)=x^\frac{1}{3}=\sqrt[3]{x}

Solution

Verwende Geogebra und vergleiche mit deinen Plots.

Definition 4: Wurzelfunktion

Funktionen der Form

f(x)=x1n=xn(nZ{0})f(x)=x^\frac{1}{n}=\sqrt[n]{x}\quad(n\in\mathbb{Z}\setminus\{0\})

heissen Wurzelfunktionen.

Die Definitionsmenge der Wurzelfunktionen ist R0+\R^+_0. Sie sind für R0+\R_0^+ die Umkehrfunktionen von f(x)=xnf(x)=x^n. Ihre Graphen entstehen deswegen aus den Graphen von ff durch Spiegelung an der 1. Winkelhalbierenden.

Exercise 5: Wurzelfunktion

Zeichne den Graphen der Quadratwurzelfunktion

f(x)=xf(x)=\sqrt{x}

für 0<x<100<x<10 und die Parallele zur xx-Achse durch den Punkt P(08)P(0\mid 8). Schneidet die Kurve die Parallele, wenn man sie nach rechts fortgesetzt denkt? Falls ja, wo?

Solution

Für die Plots vergleiche man mit Geogebra. Um den Schnittpunkt zu berechnen, setzen wir:

f(x)=!8x=8x=64\begin{align*} f(x) &\stackrel{!}{=} 8 \\ \sqrt{x} &= 8 \tag{$(\phantom{x})^2$} \\ x &= 64 \end{align*}

Also liegt der Schnittpunkt bei S(648)S(64 \mid 8).

Exercise 6: Windgeschwindigkeit

Mit zunehmender Höhe nimmt die Windgeschwindigkeit zu. Für windschwache Gebiete kann man die gegenseitige Abhängigkeit durch die Funktion

f(x)=0.2x+1f(x)=0.2\sqrt{x}+1

beschreiben. Dabei ist xx die Masszahl der in Metern gemessenen Höhe. Der Funktionsterm gibt die in \unit{m/s} gemessene Windgeschwindigkeit an. Zeichne den Graphen der Funktion für 0<x<6000<x<600. In welcher Höhe erreicht die Windgeschwindigkeit \qty{7}{m/s}?

Solution0.2x+1=!70.2x=6x=30x=900\begin{align*} 0.2\sqrt{x}+1 &\stackrel{!}{=} 7 \tag{$-1$} \\ 0.2\sqrt{x} &= 6 \tag{$\cdot 5$} \\ \sqrt{x} &= 30 \tag{$(\phantom{x})^2$} \\ x &= 900 \end{align*}

Also in einer Höhe von \qty{900}{m}.

Exercise 7: Ein Klassiker

Berechne für die Funktion

f(x)=x3xf(x) = x^3 - x

a) alle Nullstellen von ff,

b) alle Schnittpunkte von ff mit der Normalparabel n(x)=x2n(x) = x^2,

c) die durchschnittliche Änderung über den Intervallen:

i) [0,1][0, 1]

ii) [0,2][0, 2]

iii) [2,2][-2, 2]

Solution

a) Faktorisieren liefert x=1,0,1x=-1, 0, 1.

b) Gleichsetzen und Faktorisieren zusammen mit der quadratischen Lösungsformel für die Gleichung liefert: x=0,φ,Φx=0, -\varphi, \Phi.

c) 00, 33, 33.

Exercise 8: Kubische Funktion verschieben

Zeichne den Graphen der Funktion

f(x)=18x3.f(x)=\frac{1}{8}x^3.

Verschiebe den Graphen:

a) um 3 Einheiten nach oben,

b) um 2 Einheiten nach rechts,

c) um 2 Einheiten nach links und anschliessend um 1 Einheit nach unten.

Gib jeweils die Gleichung der neuen Kurve an.

Solution

a) f(x)=18x3+3f(x)=\frac{1}{8}x^3+3

b) f(x)=18(x2)3f(x)=\frac{1}{8}(x-2)^3

c) f(x)=18(x+2)31f(x)=\frac{1}{8}(x+2)^3-1

Exercise 9: Antiproportionalitäten

Zeichne die Graphen der Funktionen

f(x)=x12undg(x)=4x1f(x)=x^{-1}-2\quad\text{und}\quad g(x)=4-x^{-1}

in ein Koordinatensystem.

a) Wo schneiden die Graphen die xx-Achse?

b) Wo schneiden sich die beiden Graphen?

Solution

a) Aus f(x)=!0f(x)\stackrel{!}{=}0 folgt unmittelbar x=12x=\frac{1}{2}. Für gg ergibt sich analog x=14x=\frac{1}{4}.

b) Gleichsetzen:

f(x)=!g(x)1x2=41x2x=6x=13    y=1\begin{align*} f(x)&\stackrel{!}{=} g(x) \\ \frac{1}{x}-2 &= 4-\frac{1}{x} \tag{$+2, +\frac{1}{x}$} \\ \frac{2}{x} &= 6 \tag{$\cdot \frac{x}{6}$} \\ x &= \frac{1}{3} \\ &\implies y=1 \end{align*}

Also schneiden sich ff und gg in S(131)S(\frac{1}{3} \mid 1).

Exercise 10: Angebot und Nachfrage

Die Angebots- und Nachfragefunktion für ein wirtschaftliches Gut seien gegeben durch

pA(x)=2x12,pN(x)=4+2x,p_A(x)=2x^\frac{1}{2},\quad p_N(x)=4+\frac{2}{x},

0ME<xME<8ME0\,\unit{ME}<x\,\unit{ME}<8\,\unit{ME}, wobei die Preise in \unit{GE/ME} angegeben sind. Stelle die Situation grafisch dar und berechne die Gleichgewichtsmenge, den Marktpreis und den Gesamterlös.

Solution

Die Gleichgewichtsmenge findet man via pA(x)=!pN(x)p_A(x)\stackrel{!}{=} p_N(x).

2x12=4+2x2x3=4x+24x3=16x2+16x+4\begin{align*} 2x^\frac{1}{2} &= 4+\frac{2}{x} \tag{$\cdot x$} \\ 2\sqrt{x^3} &= 4x + 2 \tag{$(\phantom{x})^2$} \\ 4x^3 &= 16x^2 +16x + 4 \end{align*}

Dies ist eine Gleichung dritten Grades, die wir mit unserem aktuellen Wissen nicht direkt lösen können. Wir können sie aber mit Hilfe der Lösungsformel für kubische Gleichungen von Cardano lösen.

Formel von Cardano

In seiner 1654/55 entstandenen und 1659 erschienenen Arbeit De reductione aequationum leitet Jan Hudde (1628–1704) die dann auf alle Fälle anwendbare, üblicherweise nach Cardano benannte Formel zur Lösung der kubischen Gleichung her, wobei er den Weg Tartaglias nur geringfügig modifiziert. Diese Substitution ergibt sich aus der Betrachtung eines Würfels mit Kantenlänge u+vu+v sinngemäss zum Quadrat von al-Chwarizmi im quadratischen Fall. Wir ersetzen in der Gleichung

x3+pxq=0x^3 + px - q = 0

die Unbekannte xx durch u+vu+v und erhalten damit die Gleichung

u3+v3+(3uv+p)(u+v)q=0.u^3 + v^3 + (3uv+p)(u+v) - q = 0.

Diese Gleichung ist sicher erfüllt, wenn

I3uv=p\text{I} \quad 3uv = -pIIu3+v3=q\text{II} \quad u^3 + v^3 = q

gilt. Ohne Schwierigkeit erhält man daraus

I’uv=p3\text{I'} \quad uv = -\frac{p}{3}II’u6qu3(p3)3=0.\text{II'} \quad u^6 - qu^3 - (\frac{p}{3})^3 = 0.

Gleichung II' ist eine quadratische Gleichung für u3u^3. Wir können also aus dem Gleichungssystem leicht uu und vv berechnen und erhalten damit für die Unbekannte xx die als Formel von Cardano bezeichnete Darstellung:

x=q2+(q2)2+(p3)33+q2(q2)2+(p3)33x = \sqrt[3]{-\frac{q}{2} + \sqrt{(\frac{q}{2})^2 + (\frac{p}{3})^3}} + \sqrt[3]{-\frac{q}{2} - \sqrt{(\frac{q}{2})^2 + (\frac{p}{3})^3}}

In dieser Darstellung von xx wird die Kubikwurzel noch in der in jener Zeit üblichen Art benützt, bei der der Radikand auch negativ sein durfte; 83\sqrt[3]{-8} ergab 2-2, so wie es auch manche Taschenrechner heute tun. Bei dieser Deutung der dritten Wurzel dürfen aber die Potenzgesetze nicht auf gebrochene Exponenten übertragen werden. Dann ergibt sich als:

Theorem 1

Die Gleichung x3+px+q=0x^3+px+q=0 hat die Lösung

x=sgn(R1)R13+sgn(R2)R23x = \operatorname{sgn}(R_1) \sqrt[3]{|R_1|} + \operatorname{sgn}(R_2) \sqrt[3]{|R_2|}

mit R1:=q2+(q2)2+(p3)3R_1 := -\frac{q}{2} + \sqrt{(\frac{q}{2})^2 + (\frac{p}{3})^3} und R2:=q2(q2)2+(p3)3R_2 := -\frac{q}{2} - \sqrt{(\frac{q}{2})^2 + (\frac{p}{3})^3}.

Offensichtlich versagt dieser Lösungsweg, wenn die Diskriminante der quadratischen Gleichung für u3u^3 negativ ist, d. h., wenn (q2)2+(p3)3<0(\frac{q}{2})^2 + (\frac{p}{3})^3 < 0 ist. Das ist aber genau der von Cardano entdeckte casus irreducibilis. 1745 zeigte Abraham Gotthelf Kästner (1719–1800), dass in diesem Fall die kubische Gleichung x3+px+q=0x^3+px+q=0 stets drei reelle Lösungen besitzt. 1891 bewies Ludwig Otto Hölder (1859–1937), dass diese Bedingung auch notwendig ist und dass sich diese drei Lösungen grundsätzlich nicht durch Wurzeln darstellen lassen.

Verallgemeinerter Viëta

Verallgemeinerter Satz von Vieta

Nach der Behandlung des Sonderfalls xn+a0=0x^n + a_0 = 0 wenden wir uns nun den algebraischen Gleichungen in ihrer allgemeinen Form anxn+an1xn1++a1x+a0=0a_n x^n + a_{n-1} x^{n-1} + \dots + a_1 x + a_0 = 0 zu. Bei den Gleichungen 3. Grades haben wir gelernt, dass wir sie auf eine Gleichung 2. Grades zurückführen können, wenn wir eine Lösung kennen. In einem solchen Fall kann man auch eine Gleichung nn-ten Grades auf eine vom Grad n1n-1 zurückführen. Zum Beweis dieser Behauptung verallgemeinern wir einen Gedankengang, den Geronimo Cardano (1501–1576) in Regel 6 von Kapitel XXV seiner Ars magna 1545 angesprochen hat und den François Viète (1540–1603) in seinem 1615 postum erschienenen Tractatus de emendatione aequationum erweiterte. Als Hilfsmittel benützen wir wie Viète die Verallgemeinerung der 3. binomischen Formel, nämlich:

anbn=(ab)(an1+an2b+an3b2++abn2+bn1)()a^n - b^n = (a-b)(a^{n-1} + a^{n-2}b + a^{n-3}b^2 + \dots + ab^{n-2} + b^{n-1}) \quad (\ast)

Damit können wir uns dem eigentlichen Problem zuwenden. Die linke Seite der algebraischen Gleichung anxn++a1x+a0=0a_n x^n + \dots + a_1 x + a_0 = 0 ist ein Polynom vom Grad nn, für das wir kurz Pn(x)P_n(x) schreiben. Für eine beliebige reelle Zahl rr gilt:

Pn(x)Pn(r)=an(xnrn)+an1(xn1rn1)++a1(xr)P_n(x) - P_n(r) = a_n(x^n - r^n) + a_{n-1}(x^{n-1} - r^{n-1}) + \dots + a_1(x-r)

Wendet man auf jede der Klammern ()(\ast) an, so kann man (xr)(x-r) ausklammern und erhält:

Pn(x)Pn(r)=(xr)[an(xn1++rn1)+an1(xn2++rn2)++a1]P_n(x) - P_n(r) = (x-r)[a_n(x^{n-1} + \dots + r^{n-1}) + a_{n-1}(x^{n-2} + \dots + r^{n-2}) + \dots + a_1]

Der in der eckigen Klammer stehende Ausdruck ist ein Polynom (n1)(n-1)-ten Grades in xx, sodass gilt:

Pn(x)Pn(r)=(xr)Pn1(x)P_n(x) - P_n(r) = (x-r)P_{n-1}(x)

Ist rr eine Nullstelle des Polynoms Pn(x)P_n(x), dann ist Pn(r)=0P_n(r) = 0, und es ergibt sich:

Pn(x)=(xr)Pn1(x)P_n(x) = (x-r)P_{n-1}(x)

Damit ist bewiesen:

Theorem 2: Reduktionssatz

Ist x1x_1 eine Lösung der algebraischen Gleichung Pn(x)=0P_n(x)=0, dann lässt sich Pn(x)P_n(x) faktorisieren zu (xx1)Pn1(x)(x-x_1)P_{n-1}(x), wobei Pn1(x)P_{n-1}(x) ein Polynom (n1)(n-1)-ten Grades ist. Die Lösung der algebraischen Gleichung Pn(x)=0P_n(x)=0 ist damit zurückgeführt auf die Lösung der äquivalenten Gleichung (xx1)Pn1(x)=0(x-x_1)P_{n-1}(x)=0, d. h. auf die Lösung von x=x1Pn1(x)=0x=x_1 \lor P_{n-1}(x)=0.

Der Reduktionssatz gestattet eine Abschätzung der Anzahl der Lösungen, die eine Gleichung nn-ten Grades haben kann. Jede Lösung x0x_0 lässt nämlich die Abspaltung des Linearfaktors (xx0)(x-x_0) zu, und bei einem Polynom nn-ten Grades kann ein solcher Faktor höchstens nn-mal ausgeklammert werden. Also gilt:

Theorem 3

Eine Gleichung nn-ten Grades hat höchstens nn Lösungen. Dabei wird jede Lösung in ihrer Vielfachheit gezählt.

Bei quadratischen Gleichungen in Normalform gibt der Satz von Vieta einen Zusammenhang zwischen den Lösungen x1,x2x_1, x_2 und den Koeffizienten p,qp, q der Gleichung x2+px+q=0x^2+px+q=0 an:

p=(x1+x2)undq=x1x2p=-(x_1+x_2) \quad \text{und} \quad q=x_1 \cdot x_2

Ein analoger Satz gilt auch für Gleichungen höheren Grades in Normalform, d. h. mit an=1a_n=1. Wir betrachten zunächst eine Gleichung 3. Grades in Normalform: x3+a2x2+a1x+a0=0x^3+a_2x^2+a_1x+a_0=0 habe die drei Lösungen x1,x2x_1, x_2 und x3x_3. Nach dem Reduktionssatz gilt dann:

x3+a2x2+a1x+a0=(xx1)(xx2)(xx3)x^3+a_2x^2+a_1x+a_0 = (x-x_1)(x-x_2)(x-x_3)=x3(x1+x2+x3)x2+(x1x2+x2x3+x3x1)xx1x2x3= x^3 - (x_1+x_2+x_3)x^2 + (x_1x_2+x_2x_3+x_3x_1)x - x_1x_2x_3

Offenbar ist der Zusammenhang bei dem mittleren Koeffizienten komplizierter. Aber wenigstens bei den Koeffizienten a0a_0 und an1a_{n-1} sind die Ausdrücke so einfach, dass es sich lohnt, sie sich zu merken:

Theorem 4: Verallgemeinerter Viëta

Sind x1,x2,,xnx_1, x_2, \dots, x_n die Lösungen der Gleichung

xn+an1xn1++a1x+a0=0,x^n + a_{n-1}x^{n-1} + \dots + a_1x + a_0 = 0,

dann gilt:

an1=(x1+x2++xn)unda0=(1)nx1x2xna_{n-1} = -(x_1+x_2+\dots+x_n) \quad \text{und} \quad a_0 = (-1)^n \cdot x_1 \cdot x_2 \cdot \dots \cdot x_n
Proof

Der Beweis verläuft wie oben bei der Gleichung 3. Grades.

Die Beziehung a0=(1)nx1x2xna_0 = (-1)^n \cdot x_1 \cdot x_2 \cdot \dots \cdot x_n lässt vermuten, dass ganzzahlige Lösungen einer Gleichung mit ganzzahligen Koeffizienten Teiler von a0a_0 sein müssen. Tatsächlich gilt:

Theorem 5

Sind alle Koeffizienten der Gleichung anxn+an1xn1++a1x+a0=0a_n x^n + a_{n-1} x^{n-1} + \dots + a_1 x + a_0 = 0 ganzzahlig, dann ist jede ganzzahlige Lösung Teiler von a0a_0.

Solution

Zum Beweis setzen wir die ganzzahlige Lösung x1x_1 ein:

anx1n+an1x1n1++a1x1+a0=0a_n x_1^n + a_{n-1} x_1^{n-1} + \dots + a_1 x_1 + a_0 = 0

Daraus folgt a0=x1(anx1n1+an1x1n2++a1)a_0 = -x_1(a_n x_1^{n-1} + a_{n-1} x_1^{n-2} + \dots + a_1), d. h., x1x_1 ist Teiler von a0a_0.