Die Kolmogorow-Axiome

Der Wahrscheinlichkeitsbegriff nach Kolmogorow

In dem weiteren Aufbau der Wahrscheinlichkeitstheorie erwies sich diese Definition als ungeeignet, da unüberwindliche Schwierigkeiten auftraten. Der uns bekannte Limesbegriff im Sinne der Analysis lässt sich nämlich nicht auf eine vom Zufall beherrschte Folge anwenden, in der immer wieder «Ausreisser» möglich sind. Eine logisch befriedigende Fassung des Wahrscheinlichkeitsbegriffs wurde erst durch den Verzicht auf eine direkte Definition möglich. Kolmogorow forderte lediglich gewisse Eigenschaften für Wahrscheinlichkeiten und zeigte 1933, dass sich bereits aus wenigen Axiomen eine Wahrscheinlichkeitstheorie entwickeln lässt.

Definition 1: Wahrscheinlichkeit nach Kolmogorow

Ist PP eine Funktion, die jedem Ereignis A\mathbb{A} eines Stichprobenraumes Ω\Omega genau eine reelle Zahl P(A)P(\mathbb{A}) zuordnet, so heisst PP eine Wahrscheinlichkeitsfunktion und jeder Funktionswert P(A)P(\mathbb{A}) die Wahrscheinlichkeit von A\mathbb{A}, genau dann, wenn folgende (Kolmogorow-)Axiome erfüllt sind:

  • P(A)0,AΩP(\mathbb{A}) \geq 0, \forall\mathbb{A}\subset\Omega\quad (Positivität)
  • P(Ω)=1P(\Omega) = 1\quad (Normierung)
  • A,BΩ\forall\mathbb{A},\mathbb{B}\subset\Omega mit AB=    P(AB)=P(A)+P(B)\mathbb{A}\cap\mathbb{B} = \emptyset \implies P(\mathbb{A}\cup\mathbb{B}) = P(\mathbb{A})+P(\mathbb{B})\quad (Additivität)

Aus den Axiomen folgert man sofort:

Theorem 1: Satz zur Gegenwahrscheinlichkeit

Mit den üblichen Bezeichnungen gilt

P(A)=1P(A)P(\overline{\mathbb{A}}) = 1-P(\mathbb{A})
Proof

Wegen AA=\mathbb{A}\cap\overline{\mathbb{A}} = \emptyset und AA=Ω\mathbb{A}\cup\overline{\mathbb{A}} = \Omega gilt

1=P(Ω)=P(AA)=P(A)+P(A)1 = P(\Omega) = P(\mathbb{A}\cup\overline{\mathbb{A}}) = P(\mathbb{A})+P(\overline{\mathbb{A}})

also P(A)=1P(A)P(\overline{\mathbb{A}}) = 1-P(\mathbb{A}).

Note 1

Die Beziehung aus obigem Satz wird sehr oft benötigt, da in vielen Fällen die Wahrscheinlichkeit des Gegenereignisses A\overline{\mathbb{A}} leichter zu berechnen ist als die Wahrscheinlichkeit des Ereignisses A\mathbb{A}.

Example 1

Ein illustratives Beispiel für eine Anwendung ist die Suche nach der Antwort auf die Frage:

Mit einem fairen Spielwürfel: Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, in 1010 Würfen mindestens einmal eine 66 zu werfen?

Dies zu berechnen ist ziemlich aufwendig. Denn man muss die Wahrscheinlichkeit berechnen, genau 11-mal eine 66, genau 22-mal eine 66, \dots, genau 1010-mal eine 66 in 1010 Würfen zu realisieren. Abschliessend muss man noch die einzelnen Wahrscheinlichkeiten aufsummieren. Zudem ist die Berechnung der einzelnen Wahrscheinlichkeiten – beispielsweise genau 33 Sechsen in 1010 Würfen – nicht trivial (Resultat ungefähr 15.5  %\qty{15.5}{\%}).

Einfacher geht es über das Gegenereignis von «mindestens 11-mal eine 66 zu werfen». Das ist nämlich «nie eine 66 in 1010 Würfen» zu erzielen. Es ist

P(keine 6 in 10 Wu¨rfen)=(56)100.1615P(\text{keine } 6 \text{ in } 10 \text{ Würfen}) = \left(\frac{5}{6}\right)^{10} \approx 0.1615

Nun kann man mit obigem Satz einfach schliessen, dass die Wahrscheinlichkeit, «in 1010 Würfen mindestens einmal eine 66» zu würfeln,

P(mindestens eine 6 in 10 Wu¨rfen)=1P(keine 6 in 10 Wu¨rfen)10.1615=0.838584  %\begin{align*} P(\text{mindestens eine } 6 \text{ in } 10 \text{ Würfen}) & = 1-P(\text{keine } 6 \text{ in } 10 \text{ Würfen})\\ & \approx 1-0.1615 = 0.8385 \approx \qty{84}{\%} \end{align*}

sein muss.

Theorem 2

Hat ein Zufallsversuch nn mögliche Ausfälle ω1\omega_1, ω2\omega_2, ω3\omega_3, \dots, ωn\omega_n und ist jeder dieser Ausfälle gleich wahrscheinlich, also P(ωi)=1nP(\omega_i) = \frac{1}{n}, so gilt für ein Ereignis A\mathbb{A}

P(A)=1n+1n++1n=card(A)card(Ω)P(\mathbb{A}) = \frac{1}{n}+\frac{1}{n}+\dots+\frac{1}{n} = \frac{\text{card}(\mathbb{A})}{\text{card}(\Omega)}
Proof

Die Ereignisse sind paarweise disjunkt. Wir verwenden die Kolmogorow-Additivität.

Definition 2: Laplace'sche Wahrscheinlichkeit

In obigem Fall gilt also für die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses A\mathbb{A}: Anzahl der günstigen Fälle für A\mathbb{A} geteilt durch Anzahl der möglichen Fälle Ω\Omega, oder kurz

P(A)=AΩ=:gmP(\mathbb{A}) = \frac{|\mathbb{A}|}{|\Omega|} =: \frac{g}{m}
Example 2

Würfeln mit einem fairen Spielwürfel, Ziehen von Losen aus einer gut durchmischten Urne, Ziehen von Karten aus einem gut durchmischten Kartenspiel etc.

Die letzte Folgerung aus den Axiomen entspricht der klassischen Definition der Wahrscheinlichkeit, die von Laplace stammt. Diese Definition hat den Nachteil, dass man sich auf endlich viele Ereignisse, die alle gleich wahrscheinlich sein müssen, beschränken muss. Der axiomatische Aufbau der Wahrscheinlichkeitsrechnung wird heute in der Mathematik allgemein benutzt, weil man nicht mehr den Einschränkungen unterworfen ist und die klassische Definition als Sonderfall enthalten ist.

Exercise 1: Energie

In einer Stadt werden von allen Gebäuden 15  %\qty{15}{\%} elektrisch, 35  %\qty{35}{\%} mit Öl, 25  %\qty{25}{\%} mit Kohle und der Rest mit Erdgas beheizt. Bestimme die Wahrscheinlichkeit, dass ein zufällig ausgewähltes Gebäude

a) mit Kohle,

b) nicht mit Öl,

c) weder mit Kohle noch mit Öl beheizt wird.

Solution

Wir lassen die Prozente weg und rechnen:

a) P(K)=25100=14P(K) = \frac{25}{100} = \frac{1}{4}

b) P(O)=720    P(O)=1P(O)=1320P(O) = \frac{7}{20} \implies P(\overline{O}) = 1-P(O) = \frac{13}{20}

c) P(KO)=135=25P(\overline{K\cup O}) = 1-\frac{3}{5} = \frac{2}{5}

Exercise 2: Urne

Eine Urne enthält 100100 Kugeln mit den Nummern 00,01,02,,98,9900, 01, 02, \dots, 98, 99. Eine Kugel wird zufällig gezogen. Es sei XX die erste und YY die zweite Ziffer ihrer Nummer. Berechne die Wahrscheinlichkeiten P(X=3)P(X = 3), P(Y4)P(Y \neq 4), P(XY)P(X \neq Y), P(X<4 und Y<3)P(X < 4 \text{ und } Y < 3) und P(XY>49)P(X \cdot Y > 49).

Solution

Eins nach dem anderen:

a) P(X=3)=10100=110P(X=3) = \frac{10}{100} = \frac{1}{10}

b) P(Y4)=90100=910P(Y\neq4) = \frac{90}{100} = \frac{9}{10}

c) P(Y4)=90100=910P(Y\neq4) = \frac{90}{100} = \frac{9}{10}

d) P(XY)=109100=910P(X \neq Y) = \frac{10\cdot9}{100} = \frac{9}{10}

e) P(X<4 und Y<3)=43100=325P(X < 4 \text{ und } Y < 3) = \frac{4\cdot 3}{100} = \frac{3}{25}

f) Man zählt alle gültigen Produkte und teilt durch die möglichen Fälle: P(XY>49)=1+2+3+4100=110P(X\cdot Y > 49) = \frac{1+2+3+4}{100} = \frac{1}{10}

Exercise 3: Pferderennen

Die Pferde Artemis, Borodir, Condor und Durin bestreiten ein Galopprennen. Die Wahrscheinlichkeit, dass AA gewinnt, ist doppelt so gross wie die von BB, und die von BB ist doppelt so gross wie die von CC. Die Wahrscheinlichkeit, dass DD gewinnt, ist dreimal so gross wie die von CC. Berechne die Wahrscheinlichkeit, dass

a) CC gewinnt,

b) BB oder CC gewinnt.

c) Beim Aufgalopp verletzt sich Borodir und kann deshalb am Rennen nicht teilnehmen. Berechne die Wahrscheinlichkeit, dass DD jetzt gewinnt.

Solution

Zuerst kann man mit dem Dreisatz die Verhältnisse der Siegeswahrscheinlichkeiten der Pferde bestimmen. Wir erhalten P(A)=410P(A) = \frac{4}{10}, P(B)=210P(B)=\frac{2}{10}, P(C)=110P(C)=\frac{1}{10} und P(D)=310P(D) = \frac{3}{10}. Damit sind die ersten drei Teilaufgaben gelöst. Ferner ist P(BC)=310P(B\cup C) = \frac{3}{10}. Wenn BB nicht teilnehmen kann, dann ist P(D)=38P(D)=\frac{3}{8}.

Exercise 4: Bauer sucht Schatz

Ein Bauer erfährt, dass auf seinem 60m×40m60\,\unit{m} \times 40\,\unit{m} grossen Acker irgendwo ein Schatz vergraben ist. Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Schatz

a) mindestens zehn Meter von der Mitte entfernt ist?

b) gefunden wird, wenn man zehn Löcher mit einem Durchmesser von 10m10\,\unit{m} gräbt?

c) Wie viele Löcher vom gleichen Durchmesser müsste man graben, um mit mindestens 80  %\qty{80}{\%} Sicherheit den Schatz zu finden?

Solution

Hinweis: In dieser Aufgabe handelt es sich um geometrische Wahrscheinlichkeiten, definiert durch das Verhältnis des Inhalts der günstigen Fläche zum Inhalt der möglichen Fläche. Auch diese Zuordnung erfüllt die drei Axiome von Kolmogorow, ist also eine Wahrscheinlichkeit.

Die Gesamtfläche, die den möglichen Fundort enthält, beträgt A=2400m2A = 2400\,\unit{m^{2}}.

a) Der Bereich bis zu 10m10\,\unit{m} um die Mitte beträgt M=100πm2M = 100\pi\,\unit{m^{2}}. Also P(M)=1MA0.87P(\overline{M}) = 1-\frac{M}{A} \approx 0.87.

b) Wenn man nicht wild darauf los gräbt, so überschneiden sich die Löcher paarweise nicht. Dann erhält man P(10)=1025πA0.33P(10) = \frac{10\cdot25\pi}{A} \approx 0.33.

c) Sei dd der Durchmesser und xx die Anzahl Löcher. Es gilt:

x(d2)2π24000.8xd2π96000.8x0.89600d2π\begin{align*} x \cdot \frac{(\frac{d}{2})^{2}\pi}{2400} & \geq 0.8 \\ x \cdot \frac{d^{2}\pi}{9600} & \geq 0.8 \\ x & \geq 0.8 \cdot \frac{9600}{d^{2}\pi} \end{align*}

Für den Durchmesser d=10md = 10\,\unit{m} von oben erhält man x24.45x \geq 24.45. Das heisst, man müsste mindestens 25 Löcher graben, um mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 80  %\qty{80}{\%} den Schatz zu finden.