Schwingungen

Freie Schwingung

Die rücktreibende Federkraft einer "idealen" Feder mit Federkonstante kk und angehängter Masse mm ist proportional zur Auslenkung yy aus der Ruhelage; eine solche ideale Feder nennen wir - nach dem Physiker Robert Hooke (1635 - 1703) - Hook'sche Feder.

Die Bewegungsgleichung lautet also nach dem Newtonschen Aktionsprinzip

my¨=ky,m\ddot{y} = -ky,

was wir mit ω02:=km\omega_0^2 := \frac{k}{m} in der Form

y¨+ω02y=0\ddot{y}+\omega_0^2 y = 0

schreiben. Als Lösungsansatz wählen wir

y(t)=Ceωt.y(t)=C\text{e}^{\omega t}.

Eingesetzt ergibt dies ω2+ω02=0\omega^2+\omega_0^2 = 0 und damit

ω1,2=±iω0.\omega_{1,2} = \pm \mathrm{i}\omega_0.

Wir erhalten also die beiden linear unabhängigen Lösungen

y1(t)=C1eiω0ty2(t)=C2eiω0t.\begin{align*} y_1(t) &= C_1\mathrm{e}^{\mathrm{i}\omega_0 t}\\ y_2(t) &= C_2\mathrm{e}^{-\mathrm{i}\omega_0 t}. \end{align*}

Die allgemeine Lösung der Differentialgleichung ist dann die Linearkombination dieser linear unabhängigen Lösungen y1y_1 und y2y_2:

y(t)=C1eiω0t+C2eiω0t.\boxed{y(t) = C_1\mathrm{e}^{\mathrm{i}\omega_0 t}+ C_2\mathrm{e}^{-\mathrm{i}\omega_0 t}}.

Intermezzo. Die lineare Unabhängigkeit sieht man zum Beispiel so ein: Betrachte

C1eiω0t+C2eiω0t=0C_1\mathrm{e}^{\mathrm{i}\omega_0 t}+ C_2\mathrm{e}^{-\mathrm{i}\omega_0 t} = 0

zusammen mit seiner Ableitung

C1iω0eiω0tC2iω0eiω0t=0.C_1\mathrm{i}\omega_0\mathrm{e}^{\mathrm{i}\omega_0 t} - C_2\mathrm{i}\omega_0\mathrm{e}^{-\mathrm{i}\omega_0 t} = 0.

Diese beiden Gleichungen müssen für alle Zeiten tt gelten, insbesondere auch für t=0t=0. Daraus ergibt sich unmittelbar C1=0=C2C_1 = 0 = C_2; also sind eiω0t\mathrm{e}^{\mathrm{i}\omega_0 t} und eiω0t\mathrm{e}^{-\mathrm{i}\omega_0 t} linear unabhängig.

Nun muss y(t)y(t) als Auslenkung aus der Ruhelage eine reellwertige Funktion sein. Da yy genau dann reellwertig ist, wenn y=yy^* = y, sind die komplexen Amplituden C1C_1, C2C_2 komplex konjugiert - C1=C2C_1 = C_2^*. In der Tat:

y=yC1eiω0t+C2eiω0t=(C1eiω0t+C2eiω0t)C1eiω0t+C2eiω0t=C1eiω0t+C2eiω0t(C1C2)eiω0t+(C2C1)eiω0t=0.\begin{align*} y &= y^*\\ C_1\mathrm{e}^{\mathrm{i}\omega_0 t}+ C_2\mathrm{e}^{-\mathrm{i}\omega_0 t} &= (C_1\mathrm{e}^{\mathrm{i}\omega_0 t}+ C_2\mathrm{e}^{-\mathrm{i}\omega_0 t})^*\\ C_1\mathrm{e}^{\mathrm{i}\omega_0 t}+ C_2\mathrm{e}^{-\mathrm{i}\omega_0 t} &= C_1^*\mathrm{e}^{-\mathrm{i}\omega_0 t}+ C_2^*\mathrm{e}^{\mathrm{i}\omega_0 t}\\ (C_1-C_2^*)\mathrm{e}^{\mathrm{i}\omega_0 t}+ (C_2-C_1^*)\mathrm{e}^{-\mathrm{i}\omega_0 t} &= 0. \end{align*}

Da wegen der linearen Unabhängigkeit von eiω0t\mathrm{e}^{\mathrm{i}\omega_0 t} und eiω0t\mathrm{e}^{-\mathrm{i}\omega_0 t} die Koeffizienten 00 sein müssen, folgt C2=C1C_2=C_1^*.

Zurück zur Lösung: Wir setzen also C1=a+ibC_1 = a+\mathrm{i}b und C2=aibC_2 = a-\mathrm{i}b und erhalten mit der Euler'schen Identität - reiφ=rcos(φ)+irsin(φ)r\mathrm{e}^{\mathrm{i}\varphi} = r\cos(\varphi) + \mathrm{i}r\sin(\varphi) - die allgemeine Lösung

y(t)=2acos(ω0t)2bsin(ω0t).y(t) = 2a\cos(\omega_0 t)-2b\sin(\omega_0 t).

Aus der Trigonometrie der Winkelfunktionen nimmt man sich beispielsweise das Additionstheorem

cos(x+y)=cos(x)cos(y)sin(x)sin(y),\cos(x+y) = \cos(x)\cos(y)-\sin(x)\sin(y),

setzt 2a2a als y0cos(φ0)y_0\cos(\varphi_0) und 2b2b als y0sin(φ0)y_0\sin(\varphi_0); schliesslich

Note 1: Bewegungsgleichung einer Hookeschen Feder
y(t)=y0cos(ω0t+φ0)y(t) = y_0\cos(\omega_0 t+\varphi_0)

mit ω0=km\omega_0=\sqrt{\frac{k}{m}} und φ0=arctan(ba)\varphi_0 = \arctan(\frac{b}{a}).

(Freie Schwingung kommentiert)

Exercise 1: Freie Schwingung

Ein Körper der Masse m=0.5kgm = 0.5\,\mathrm{kg} ist an einer Feder mit Federkonstante k=2N/mk = 2\,\mathrm{N/m} befestigt. Die Bewegung beginnt aus der Ruhelage mit einer Anfangsgeschwindigkeit v0=1m/sv_0 = 1\,\mathrm{m/s}.

a) Formuliere die Bewegungsgleichung und bestimme die Lösung y(t)y(t).

b) Bestimme die Schwingungsdauer TT und die Amplitude.

Solution

a) Die Bewegungsgleichung lautet:

my¨+ky=0y¨+4y=0m \ddot{y} + ky = 0 \Rightarrow \ddot{y} + 4y = 0

Die allgemeine Lösung ist:

y(t)=y0sin(ω0t+φ0)y(t) = y_0\sin(\omega_0 t+\varphi_0)

Aus y(0)=0y(0) = 0 folgt \vaprhi0\vaprhi_0; aus y˙(0)=1\dot{y}(0) = 1 folgt y0=12y_0=\frac{1}{2}.

y(t)=0.5sin(2t)\Rightarrow y(t) = 0.5 \sin(2t)

b) Die Amplitude beträgt 0.5m0.5\,\mathrm{m}, die Schwingungsdauer ist:

T=2π2=π3.14sT = \frac{2\pi}{2} = \pi \approx 3.14\,\mathrm{s}
Exercise 2: 🧩

Die Energie setzt sich aus der potentiellen Spannenergie der Feder und der Geschwindigkeit des Massepunktes zusammen; die Spannenergie ist:

W=Fds=kydy=12ky2.W = \int F\, \mathrm{d}s = \int ky\, \mathrm{d}y = \frac{1}{2}ky^2.

Zeige, dass die Gesamtenergie - Federenergie plus kinetische Energie - zeitlich konstant; benutze zum Beispiel die Ortsfunktion y=Acos(ω0t+φ0)y=A\cos(\omega_0 t+\varphi_0).

SolutionEtot=12ky2+12my˙2=12k(Acos(ω0t+φ0))2+12m(Aω0(sin(ω0t+φ0)))2=12kA2cos2(ω0t+φ0)2+12mA2ω02sin2(ω0t+φ0)=12kA2cos2(ω0t+φ0)+12kω02A2ω02sin2(ω0t+φ0)=12kA2(cos2(ω0t+φ0)+sin2(ω0t+φ0))=12kA2\begin{align*} E_{\text{tot}} &= \frac{1}{2}ky^2 + \frac{1}{2}m\dot{y}^2\\ &= \frac{1}{2}k(A\cos(\omega_0 t+\varphi_0))^2 + \frac{1}{2}m(A\omega_0 (-\sin(\omega_0 t+\varphi_0)))^2\\ &= \frac{1}{2}kA^2\cos^2(\omega_0 t+\varphi_0)^2 + \frac{1}{2}mA^2\omega_0^2 \sin^2(\omega_0 t+\varphi_0)\\ &= \frac{1}{2}kA^2\cos^2(\omega_0 t+\varphi_0) + \frac{1}{2}\frac{k}{\omega_0^2}A^2\omega_0^2 \sin^2(\omega_0 t+\varphi_0)\\ &= \frac{1}{2}kA^2(\cos^2(\omega_0 t+\varphi_0) + \sin^2(\omega_0 t+\varphi_0))\\ &= \frac{1}{2}kA^2 \end{align*}

Das ist die totale Energie, wenn die Feder bei Auslenkung AA mit Geschwindigkeit 00 startet.

Gedämpfte Schwingung

Wie im vorangegangenen Kapitel betrachten wir eine Federschwingung; jetzt aber gedämpft durch eine Kraft, die wir proportional zur Geschwindigkeit des Massenpunktes annehmen - Stokessche Reibung (George Gabriel Stokes, 1819 - 1903). Dies beobachtet man zum Beispiel bei einer laminaren Strömung eines Mediums um einen schwingenden Körper.

Die Bewegungsgleichung lautet jetzt

ma=kyαy˙.ma = -ky-\alpha \dot{y}.

Umschreiben:

my¨+αy˙+ky=0y¨+αmy˙+kmy=0y¨+αmy˙+ω02y=0\begin{align*} m\ddot{y}+\alpha \dot{y}+ky &= 0\\ \ddot{y} +\frac{\alpha}{m}\dot{y}+\frac{k}{m}y &= 0\\ \ddot{y} +\frac{\alpha}{m}\dot{y}+\omega_0^2y &= 0 \end{align*}

mit der Eigenfrequenz km=ω0\sqrt{\frac{k}{m}} = \omega_0 aus der freien Schwingung.

Lösungsansatz:

y(t)=Ceωt.y(t) = C\text{e}^{\omega t}.

Eingesetzt in die DGL ergibt sich die charakteristische Gleichung

ω2+αmω+ω02=0\omega^2+\frac{\alpha}{m}\omega+\omega_0^2 = 0

mit den Lösungen:

ω1,2=αm±(αm)24ω022.\omega_{1,2} = \frac{-\frac{\alpha}{m} \pm \sqrt{(-\tfrac{\alpha}{m})^2-4\omega_0^2}}{2}.

Wir setzen 2β:=αm2\beta := \frac{\alpha}{m}; damit wird diese Lösung handlicher:

ω1,2=β±β2ω02.\omega_{1,2} = -\beta\pm\sqrt{\beta^2-\omega_0^2}.

Wegen der Diskriminante in den zwei Variablen β\beta und ω0\omega_0 unterscheiden wir:

y(t)=k1eω1t+k2eω2t.y(t) = k_1\mathrm{e}^{\omega_1 t}+k_2\mathrm{e}^{\omega_2 t}.

Die Masse kriecht in die Ruhelage zurück.

y(t)=k1eβt+k2teβt.y(t)=k_1\mathrm{e}^{-\beta t}+k_2t\mathrm{e}^{-\beta t}.

Der Bewegungsablauf ist für k1=0,k2=10k_1=0, k_2=10 und β=2.5\beta=2.5 illustriert:

Nach möglichem Ausschlag strebt die Masse rasch gegen die Ruhelage.

Obige Lösung ist so motiviert: Wir haben in diesem aperiodischen Grenzfall eine doppelte Nullstelle der charakteristischen Gleichung; daher sind die e\mathrm{e}-Funktionen des Ansatzes linear abhängig. Man kann jedoch zeigen, dass eine DGL 22ter Ordnung zwei linear unabhängige Basis-Lösungen hat - Stichwort Satz von Piccard-Lindelöf. Finden tut man diese mit Variation der Konstanten, also unter dem Ansatz

y2(t)=u(t)Aeβt,y_2(t) = u(t) \cdot A\mathrm{e}^{-\beta t},

der eingesetzt in die Differentialgleichung auf u¨=0\ddot{u} = 0 führt. Die Lösung enthält also die Funktion u(t)=Ct+Du(t) = Ct+ D und damit folgt obige Form.

y(t)=eβt(k1cos(ωt)+k2sin(ωt))y(t) = \mathrm{e}^{-\beta t}(k_1\cos(\omega t)+k_2\sin(\omega t))

oder, ähnlich der Behandlung freier Schwingungen mittels Additionstheorem:

Note 2: Bewegungsgleichung einer Hookeschen Feder unter Stokesscher Reibung
y(t)=Aeβtsin(ω02β2t+φ),y(t) = A\mathrm{e}^{-\beta t}\sin(\sqrt{\omega_0^2-\beta^2}\, t+\varphi),

wobei AA und φ\varphi aus den Anfangsbedingungen bestimmt werden.

ω=ω02β2\omega = \sqrt{\omega_0^2-\beta^2} zeigt, dass im Falle der gedämpften Schwingung die Kreisfrequenz ω\omega kleiner als die Kreisfrequenz ω0\omega_0 der freien Schwingung ist - wie erwartet.

(Gedämpfte Schwingung kommentiert)

Exercise 3: Gedämpfte Schwingung

Ein Körper der Masse m=1kgm = 1\,\mathrm{kg} ist an einer Feder mit Federkonstante k=9N/mk = 9\,\mathrm{N/m} aufgehängt. Die Reibung ist proportional zur Geschwindigkeit mit Dämpfungskonstante α=4kg/s\alpha = 4\,\mathrm{kg/s}. Der Körper wird aus der Ruhelage mit Geschwindigkeit v0=1m/sv_0 = 1\,\mathrm{m/s} angestossen.

a) Stelle die Bewegungsgleichung auf.

b) Teste die allgemeine Lösung:

y(t)=Ae2tsin(ω02β2t+φ),y(t) = A\text{e}^{-2t}\sin(\sqrt{\omega_0^2-\beta^2}\, t+\varphi),

indem du mit den Anfangsbedingungen AA und φ\varphi bestimmst und dann yy in die DGL einsetzt.

c) Beschreibe den zeitlichen Verlauf qualitativ.

Solution

a) Mit dem Newtonschen Grundgesetz (F=maF=ma) und den Kräften FF=kyF_F = -ky (Feder) sowie FR=αy˙F_R = -\alpha \dot{y} (Dämpfung) gilt:

my¨+αy˙+ky=0.m\ddot{y} + \alpha\dot{y} + ky = 0.

Einsetzen der Werte (m=1,α=4,k=9m=1, \alpha=4, k=9):

y¨+4y˙+9y=0.\ddot{y} + 4 \dot{y} + 9y = 0.

b) Wir bestimmen zunächst die Parameter der gegebenen Lösungsformel. Mit ω02=km=9\omega_0^2 = \frac{k}{m} = 9 und 2β=αm=4β=22\beta = \frac{\alpha}{m} = 4 \Rightarrow \beta = 2 ergibt sich die Kreisfrequenz der gedämpften Schwingung zu ωd=94=5\omega_d = \sqrt{9 - 4} = \sqrt{5}.

Ansatzfunktion:

y(t)=Ae2tsin(5t+φ).y(t) = A e^{-2t} \sin(\sqrt{5}t + \varphi).

Konstanten AA und φ\varphi bestimmen:

  • y(0)=0    Asin(φ)=0y(0) = 0 \implies A \sin(\varphi) = 0. Da A0A \neq 0 sein muss (sonst keine Bewegung), folgt φ=0\varphi = 0.
  • y˙(t)=Ae2t(2sin(5t)+5cos(5t))\dot{y}(t) = A e^{-2t} \left( -2\sin(\sqrt{5}t) + \sqrt{5}\cos(\sqrt{5}t) \right).
  • y˙(0)=1    A(0+5)=1    A=15\dot{y}(0) = 1 \implies A(0 + \sqrt{5}) = 1 \implies A = \frac{1}{\sqrt{5}}.

Die spezifische Lösung lautet:

y(t)=15e2tsin(5t).y(t) = \frac{1}{\sqrt{5}} e^{-2t} \sin(\sqrt{5}t).

Test durch Einsetzen in die DGL (y¨+4y˙+9y\ddot{y} + 4 \dot{y} + 9y): Wir berechnen die Ableitungen (Faktor 1/51/\sqrt{5} zur Übersicht ausgeklammert):

  • y=15(e2tsin(5t))y = \frac{1}{\sqrt{5}} (e^{-2t} \sin(\sqrt{5}t))
  • y˙=15e2t(2sin()+5cos())\dot{y} = \frac{1}{\sqrt{5}} e^{-2t} (-2\sin(\dots) + \sqrt{5}\cos(\dots))
  • y¨=15e2t(4sin()25cos()25cos()5sin())\ddot{y} = \frac{1}{\sqrt{5}} e^{-2t} (4\sin(\dots) - 2\sqrt{5}\cos(\dots) - 2\sqrt{5}\cos(\dots) - 5\sin(\dots)) =15e2t(sin()45cos())= \frac{1}{\sqrt{5}} e^{-2t} (-\sin(\dots) - 4\sqrt{5}\cos(\dots))

Einsetzen:

e2t5[(sin45cos)+4(2sin+5cos)+9(sin)]=(18+9)sin+(45+45)cos=0=0.\frac{e^{-2t}}{\sqrt{5}} \underbrace{\left[ (-\sin - 4\sqrt{5}\cos) + 4(-2\sin + \sqrt{5}\cos) + 9(\sin) \right]}_{= (-1 -8 + 9)\sin + (-4\sqrt{5} + 4\sqrt{5})\cos = 0} = 0. \quad \checkmark

c) Es handelt sich um den Schwingfall: Die Amplitude Ae2tA e^{-2t} nimmt exponentiell ab, während der Körper mit der Kreisfrequenz ωd=52.24s1\omega_d = \sqrt{5} \approx 2.24\,\mathrm{s}^{-1} um die Ruhelage oszilliert.

Erzwungen gedämpfte Schwingung

Wir betrachten eine gedämpfte Schwingung (β0\beta\neq0), die periodisch mit der Kraft Fa=mAacos(ωat)F_a = mA_a\cos(\omega_a t) angetrieben wird.

Die Schwingungsgleichung lautet mit den üblichen Bezeichnungen und der Anregerfrequenz ωa\omega_a:

y¨+2βy˙+ω02y=Aacos(ωat).\ddot{y}+2\beta\dot{y}+\omega_0^2y = A_a\cos(\omega_a t).

Dies ist eine inhomogene lineare Differentialgleichung zweiter Ordnung: Deshalb lösen wir zuerst die zugehörige homogene Differentialgleichung, suchen dann eine pratikuläre Lösung und erhalten so die allgemeine.

Die homogene Differentialgleichung wurde im Kapitel zur gedämpften Schwingung hergeleitet. Für geringe Dämpfung ergab sich - wenn wir nur den homogenen Teil benutzen -

yhom=Aeβtsin(ω1t+φ)y_{\text{hom}} = A\mathrm{e}^{-\beta t}\sin(\omega_1 t+\varphi)

mit ω1=ω02β2\omega_1 = \sqrt{\omega_0^2-\beta^2}.

Um die allgemeine Lösung zu gewinnen, bleibt eine partikuläre Lösung der inhomogenen Differentialgleichung zu bestimmen. Als Ausgangspunkt dafür nutzen wir eine experimentelle Beobachtung: Das System schwingt demnach immer mit der Erregerfrequenz ωa\omega_a, die Eigenfrequenz ω1\omega_1 spielt mit zunehmender Zeit eine geringere Rolle,

ypart=Beiωat.y_{\text{part}} = B\mathrm{e}^{\mathrm{i}\omega_a t}.

Damit ergibt sich der komplexe Ansatz

ωa2Beiωat+2βiωaBeiωat+ω02Beiωat=Aaeiωat.-\omega_a^2B\mathrm{e}^{\mathrm{i}\omega_a t}+2\beta\mathrm{i}\omega_a B\mathrm{e}^{\mathrm{i}\omega_a t}+\omega_0^2B\mathrm{e}^{\mathrm{i}\omega_a t} = A_a\mathrm{e}^{\mathrm{i}\omega_a t}.

Das heisst B(ω02ωa2+2iβωa)=AaB(\omega_0^2-\omega_a^2+2\mathrm{i}\beta\omega_a) = A_a. Daraus folgt - im Falle ω0=ωa\omega_0=\omega_a und β=0\beta=0 nicht beide gleichzeitig:

B=Aaωa2+2βiω0+ω02=Aa(ω02ωa2)2+4β2ωa2((ω02ωa2)i2βωa).B = \frac{A_a}{-\omega_a^2+2\beta\mathrm{i}\omega_0+\omega_0^2} = \frac{A_a}{(\omega_0^2-\omega_a^2)^2+4\beta^2\omega_a^2}((\omega_0^2-\omega_a^2) - \mathrm{i}\cdot 2\beta\omega_a).

Daraus erhält man

Re(Beiωat)=Aa(ω02ωa2)2+4β2ωa2(ω02ωa2(ω02ωa2)2+4β2ωa2cos(ωat)+2βωa(ω02ωa2)2+4β2ωa2sin(ωat)).\begin{align*} \mathcal{Re}(B\cdot\mathrm{e}^{\mathrm{i}\omega_a t}) = \frac{A_a}{\sqrt{(\omega_0^2-\omega_a^2)^2+4\beta^2\omega_a^2}} \cdot &\Big(\frac{\omega_0^2-\omega_a^2}{\sqrt{(\omega_0^2-\omega_a^2)^2+4\beta^2\omega_a^2}}\cos(\omega_a t)\\ & +\frac{2\beta\omega_a}{\sqrt{(\omega_0^2-\omega_a^2)^2+4\beta^2\omega_a^2}}\sin(\omega_a t)\Big). \end{align*}

Wir haben den Faktor

Aa(ω02ωa2)2+4β2ωa2\frac{A_a}{\sqrt{(\omega_0^2-\omega_a^2)^2+4\beta^2\omega_a^2}}

ausklammert - so lässt sich die für die Winkelfunktion notwendige Bedingung sin2(x)+cos2(x)=1\sin^2(x)+\cos^2(x) = 1 erfüllen -, um eine weitere Vereinfachung mittels des Additionstheorems

sin(α+β)=sin(α)cos(β)+cos(α)sin(β)\sin(\alpha+\beta) = \sin(\alpha)\cos(\beta) +\cos(\alpha)\sin(\beta)

vorzunehmen. Es folgt

Re(Beiωat)=Aa(ω02ωa2)2+4β2ωa2sin(ωat+φa)\mathrm{Re}(B\mathrm{e}^{\mathrm{i}\omega_a t}) = \frac{A_a}{\sqrt{(\omega_0^2-\omega_a^2)^2+4\beta^2\omega_a^2}} \cdot \sin(\omega_a t+\varphi_a)

mit tan(φa)=2βωaω02ωa2\tan(\varphi_a)=\frac{2\beta\omega_a}{\omega_0^2-\omega_a^2} als partikuläre Lösung.

Wir haben damit für die Lösungsgesamtheit in den üblichen Bezeichnungen:

Note 3: Bewegungsgleichung einer periodisch angeregten Hookeschen Feder unter Stokesscher Reibung
y(t)=Aeβtsin(ω02β2t+φ)+Aa(ω02ωa2)2+4β2ωa2sin(ωat+φa)y(t) = A\mathrm{e}^{-\beta t}\sin(\sqrt{\omega_0^2-\beta^2}\, t+\varphi)+\frac{A_a}{\sqrt{(\omega_0^2-\omega_a^2)^2+4\beta^2\omega_a^2}}\sin(\omega_a t+\varphi_a)
Note 4: Resonanzfrequenz

Die Anregerfrequenz für die maximale Amplitude erhalten wir als Minimum des Radikanden (ω02ωa2)2+4β2ωa2(\omega_0^2-\omega_a^2)^2+4\beta^2\omega_a^2; sie ist

ωr=ω022β2.\omega_r = \sqrt{\omega_0^2-2\beta^2}.

Die Amplitude ist dann

Aa2βω02β2\frac{A_a}{2\beta\sqrt{\omega_0^2-\beta^2}}

(Erzwungen gedämpfte Schwingung kommentiert)

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Exercise 4: Erzwungen gedämpfte Schwingung

Ein Oszillator mit Masse m=1kgm = 1\,\mathrm{kg}, Dämpfung β=12kg/s\beta = \frac{1}{2}\,\mathrm{kg/s} und Federkonstante k=4N/mk = 4\,\mathrm{N/m} wird durch eine äussere Kraft F(t)=cos(2t)F(t) = \cos(2t) angeregt.

a) Stelle die Bewegungsgleichung auf.

b) Finde eine Lösung im eingeschwungenen Zustand.

c) Bestimme die Amplitude der erzwungenen Schwingung.

d) Bestimme die Resonanzfrequenz.

Solution

a) Bewegungsgleichung:

x¨+x˙+4x=cos(2t)\ddot{x} + \dot{x} + 4x = \cos(2t)

b) Partikuläre Lösung:

xp(t)=Acos(2t)+Bsin(2t)x_p(t) = A \cos(2t) + B \sin(2t)

Einsetzen ergibt: A=0A = 0, B=12xp(t)=12sin(2t)B = \frac{1}{2} \Rightarrow x_p(t) = \frac{1}{2} \sin(2t)

c) Die Amplitude ist 12\frac{1}{2}.

d) ω0=2rad/s\omega_0=2\,\mathrm{rad/s}. Resonanz hat man bei ω0=ωa=2\omega_0=\omega_a=2. Die Amplitude RR ist dann

R=14(12)222=12.R = \frac{1}{\sqrt{4\cdot(\tfrac{1}{2})^2\cdot 2^2}} = \frac{1}{2}.

Wir ergänzen unsere Analyse noch mit dem Fall ω0=ωa\omega_0 = \omega_a ohne Dämpfung (β=0\beta = 0), den wir oben ausgeschlossen haben: Für ω02=ωa2\omega_0^2 = \omega_a^2 mit β=0\beta = 0 wird die Amplitude immer grösser - wir haben also eine "Resonanzkatastrophe". Wegen dieses Anwachsens der Amplitude versuchen wir einen partikulären Ansatz mit Wachstum:

ypart=Cteiω0ty_{\text{part}} = Ct\mathrm{e}^{\mathrm{i}\omega_0 t}

und finden damit

C=Aa2ω0i.C = -\frac{A_a}{2\omega_0}\mathrm{i}.

Schliesslich

ypart=Re(Cteiω0t)=Aa2ω0tsin(ω0t)y_{\text{part}} = \mathrm{Re}(Ct\mathrm{e}^{\mathrm{i}\omega_0 t}) = \frac{A_a}{2\omega_0}t\sin(\omega_0 t)

und für die Lösungsgesamtheit

y(t)=Asin(ω0t)+Aa2ω0tsin(ω0t).\boxed{y(t) = A\sin(\omega_0\, t) + \frac{A_a}{2\omega_0}t\sin(\omega_0 t)}.