Primitivwurzeln

Jetzt soll es um die Restklassengruppen Zn\langle \mathbb{Z}_n^* \mid \,\cdot\,\rangle gehen. Sie sind Prototypen für zyklische Gruppen.

Strukturen Modulo 17 unter Multiplikation

Nimmt man für das Modul eine Primzahl, wird die Struktur praktikabel. Beispiele zur Modulo-Arithmetik: Modulo 1717 ist 13+8=214mod1713+8 = 21\equiv 4\mod 17 oder 49=512mod174-9 = -5\equiv12\mod17. Spannend ist auch die Multiplikation: 54=203mod175\cdot4 = 20\equiv3\mod17 und 92=181mod179\cdot 2 = 18\equiv1\mod17. Die letzte Kongruenz besagt, dass 99 das multiplikative Inverse von 22 ist (Modulo 1717):

912mod17.9\equiv \frac{1}{2} \mod 17.

(Potenzen Modulo 17 kommentiert)

Potenzen

Wir berechnen illustrativ alle Potenzen von 33 Modulo 1717.

Exercise 1: Potenzen von 3 Modulo 17

Vervollständige folgende Tabelle:

n 0 1 2 3 4 5 6 7
3n3^n 1 3 9 10
n 8 9 10 11 12 13 14 15
3n3^n
Solution
n 0 1 2 3 4 5 6 7
3n(mod17)3^n \pmod{17} 1 3 9 10 13 5 15 11
n 8 9 10 11 12 13 14 15
3n(mod17)3^n \pmod{17} 16 14 8 7 4 12 2 6

Es fällt auf, dass jede Zahl ungleich 00 eine Potenz von 33 ist; also jeder mögliche, nichttriviale Rest taucht genau einmal auf. Ausserdem stellt man fest:

31636=181mod17.3^{16}\equiv3\cdot6 = 18\equiv1\mod17.

Ausser 00 sind alle Zahlen eine Potenz von 33 und 3161mod173^{16}\equiv1\mod17 impliziert: Jede Zahl a≢0mod17a\not\equiv0\mod17 hat als 1616-te Potenz den Wert 11; denn aa ist eine Potenz von 33, also a=3na = 3^n und daher

a16=(3n)16=(316)n1n=1mod17a^{16} = (3^n)^{16} = (3^{16})^n\equiv1^n = 1\mod17

Das bedeutet, es gilt auch

a17=a,a33=a,a49=a,a^{17} = a, a^{33} = a, a^{49} = a, \dots

und daraus erhält man

a=a33=a311=(a3)11.a = a^{33} = a^{3\cdot11} = (a^3)^{11}.
Note 1

Man zieht die dritte Wurzel, indem man mit 1111 potenziert.

Exercise 2: Modulo Wurzel

Ziehe durch Potenzieren die siebte Wurzel aus a7mod17a^7\mod17.

Solution

Es gilt für ein beliebiges Element aZ17a\in\mathbb{Z}_{17}^\ast, dass a161mod17a^{16}\equiv1\mod{17}. Um die siebte Wurzel aus a7a^7 zu ziehen, suchen wir einen Exponenten xx, so dass (a7)xamod17(a^7)^x \equiv a \mod 17. Das bedeutet 7x1mod167x \equiv 1 \mod 16.

Wir erkennen, dass x=7x = 7 eine Lösung ist, denn 77=497 \cdot 7 = 49. Da 49=316+149 = 3 \cdot 16 + 1, gilt 491mod1649 \equiv 1 \mod 16.

Also können wir rechnen: (a7)7=a49=a316+1=(a16)3a113aamod17(a^7)^7 = a^{49} = a^{3 \cdot 16 + 1} = (a^{16})^3 \cdot a^1 \equiv 1^3 \cdot a \equiv a \mod 17.

Man zieht die siebte Wurzel also, indem man mit 77 potenziert.

Eine Idee zur Kryptogarphie

Kryptographie - eine erste Idee

Letztgenannte Beziehungen enthalten eine der Grundideen der Kryptologie basierend auf Zahlentheorie. Benutzt man die 1616 Zahlen von 11 bis 1616 als verkürztes Alphabet, kann man eine gewählte Zahl als Verschlüsselungsexponent verwenden - beispielsweise e=3e = 3. Die Entschlüsselung erfolgt dann mittels Potenzierung mit dem entsprechenden Entschlüsselungsexponenten d=11d = 11 - da ed=311=331(mod16)e \cdot d = 3 \cdot 11 = 33 \equiv 1 \pmod{16}.

Example 1

Wir wählen den Buchstaben c, der dem Wert 33 entspricht (da a = 1, b = 2, c = 3). Mit dem Verschlüsselungsexponenten e=3e = 3 verschlüsseln wir ihn: 3310mod173^3\equiv10\mod17. Der Chiffretext ist also 1010, was dem Buchstaben K entspricht. Zur Entschlüsselung potenzieren wir den Chiffretext mit dem Entschlüsselungsexponenten d=11d = 11: 10113mod1710^{11}\equiv3\mod17; wir erhalten wieder den Klartext c.

Ein angenehmer Aspekt dieses Verfahrens ist, dass zur Ver- und Entschlüsselung dasselbe Rechenverfahren benutzt wird (Potenzierung) - und dass die Reihenfolge von Ver- und Entschlüsselung vertauscht werden kann. Dies eröffnet in der Kryptologie interessante Möglichkeiten. Wie praktisch das Verfahren ist, hängt nun davon ab, ob und wie leicht zum "Verschlüsselungsexponenten" 33 der "Entschlüsselungsexponent" 1111 berechnet werden kann.

Definition 1: Primitivwurzel

Ein Element aZna \in \mathbb{Z}_n^\ast heisst Primitivwurzel modulo nn, wenn die Potenzen aka^k mit kNk \in \mathbb{N} sämtliche Reste in Zn,\langle \mathbb{Z}_n^\ast\,,\,\cdot\,\rangle erzeugen.

Example 2

2Z72\in\mathbb{Z}^\ast_7 ist keine Primitivwurzel, da 2122^1\equiv2, 2242^2\equiv4, 2312^3\equiv1, 2422^4\equiv2, .... Hingegen ist 3Z73\in\mathbb{Z}^\ast_7 Primitivwurzel: 3133^1\equiv3, 3223^2\equiv2, 3363^3\equiv6, 3443^4\equiv4, 3553^5\equiv5, 3613^6\equiv1.

Exercise 3: Primitivwurzeln in \langle\mathbb{Z}^*_{17},\cdot\rangle

Bestimme für kNk\in\mathbb{N} in der Gruppe Z17,\langle\mathbb{Z}^*_{17},\cdot\rangle die Werte der Potenzen 2k2^k und 3k3^k.

Solution

Sei kNk\in\mathbb{N}. Betrachte folgende Tabelle:

kk 1 2 3 4 5 6 7 8
2k(mod17)2^k \pmod{17} 2 4 8 16 15 13 9 1
3k(mod17)3^k \pmod{17} 3 9 10 13 5 15 11 16
kk 9 10 11 12 13 14 15 16
2k(mod17)2^k \pmod{17} 2 4 8 16 15 13 9 1
3k(mod17)3^k \pmod{17} 14 8 7 4 12 2 6 1
Exercise 4: Zurück zur 1

Zeige: Sei aZ17a\in\mathbb{Z}^*_{17} beliebig. Dann gilt a161mod17a^{16}\equiv1\mod17.

Solution

Aus der Tabelle lesen wir, dass für aZ17,a\in\langle\mathbb{Z}_{17}^*,\cdot\rangle beliebig es ein kZk\in\mathbb{Z} gibt, so dass 3ka3^k\equiv a. Es folgt

a16(3k)16(316)k1k1.a^{16}\equiv(3^k)^{16}\equiv(3^{16})^k\equiv 1^k\equiv1.
Definition 2: Euler'sche phi-Funktion

Für nNn\in\mathbb{N} ist die Euler'sche φ\varphi-Funktion definiert durch

φ(n):=card({aN1an,gcd(a,n)=1}).\varphi(n):=\text{card}(\{a\in\mathbb{N}\mid 1\leq a\leq n, \gcd(a,n)=1\}).
Exercise 5

Bestimmen Sie die Funktionswerte der Euler'schen φ\varphi-Funktion für die Argumente

a) 66

b) 1010

c) 1111

d) 5151

e) pp für pNp\in\mathbb{N} prim

Solution

Die Euler'sche φ\varphi-Funktion einer natürlichen Zahl nNn\in\mathbb{N} zählt die Anzahl teilerfremden Zahlen zwischen und inklusive 11 und nn. Im Folgenden werden also für φ(n)\varphi(n) immer natürliche Zahlen kNk\in\mathbb{N} mit 1kn1\leq k\leq n betrachtet.

a) φ(6)=2\varphi(6)=2, da 11 und 55 teilerfremd zu 66 sind.

b) Wegen 10=2510=2\cdot5 sind 11, 33, 77 und 99 teilerfremd zu 1010, also φ(10)=4\varphi(10)=4.

c) Primzahlen haben als grössten gemeinsamen Teiler ungleich 11 nur sich selbst, d.h. φ(11)=10\varphi(11)=10.

d) 51=31751=3\cdot 17 und man kann die Multiplikativität φ(317)=φ(3)φ(17)\varphi(3\cdot17)=\varphi(3)\cdot\varphi(17) der Euler'schen φ\varphi-Funktion brauchen:

φ(317)=φ(3)φ(17)=216=32.\varphi(3\cdot17)=\varphi(3)\cdot\varphi(17)=2\cdot16=32.

e) Ist pp prim, so hat pp per Definition nur die Teiler 11 und sich selbst. Also ist für kNk\in\mathbb{N}, 1lp1\leq l\leq p, nur im Falle l=pl=p der gcd(l,p)=p\gcd(l,p)=p, sonst immer 11. Das heisst es gilt φ(p)=p1\varphi(p)=p-1.

Exercise 6: Multiplikativität für Primes

Seien p,qPp,q\in\mathbb{P}, dann gilt

φ(pq)=φ(p)φ(q).\varphi(p\cdot q) = \varphi(p)\cdot\varphi(q).
Solution

Da p,qPp,q\in\mathbb{P} hat pqp\cdot q sicher den (trivialen) Teiler pqpq und ferner die Teiler pp, 2p2p, \dots, (q1)p(q-1)p, sowie qq, 2q2q, \dots, (p1)q(p-1)q. Für alle andern 1apq1\le a\le pq ist ggT(pq,a)=1\operatorname{ggT}(pq,a)=1 und das sind

pq(p1)(q1)1=pqpq+1=(p1)(q1)pq-(p-1)-(q-1)-1 = pq-p-q+1 = (p-1)(q-1)

Stück.

Exercise 7: Suche Inverse

Welche Elemente aZ12a\in\mathbb{Z}^*_{12} haben inverse Elemente in der Struktur Z12,\langle\mathbb{Z}^*_{12},\cdot\rangle?

Solution

Erwischt man einen Teiler, ausser 11, von 1212, dann wird der Rest nie 11, das multiplikativ neutrale Element, betragen. Das heisst alle Elemente mit grösstem gemeinsamen Teiler 11 zu 1212 werden ein inverses Element haben. Nämlich sind 11, 55, 77 und 1111 alle zu sich selbst invers.

Theorem 1: Satz von Gauss über die Existenz von Primitivwurzeln in zyklischen Gruppen

Die prime Restklassengruppe G=(Z/nZ)G = (\mathbb{Z}/n\mathbb{Z})^\ast ist genau dann zyklisch, wenn für nn einer der folgenden Werte gilt: n=1,2,4,pk oder 2pkn = 1, 2, 4, p^k \text{ oder } 2p^k wobei pp eine ungerade Primzahl und k1k \ge 1 eine ganze Zahl ist.

Eine Primitivwurzel modulo nn existiert genau dann, wenn die Gruppe (Z/nZ)(\mathbb{Z}/n\mathbb{Z})^\ast zyklisch ist.

Proof

Wir zeigen zuerst, dass wenn GG zyklisch ist, nn eine der angegebenen Formen haben muss. Danach zeigen wir, dass für diese Formen von nn die Gruppe GG tatsächlich zyklisch ist.

\Rightarrow: Angenommen, (Z/nZ)(\mathbb{Z}/n\mathbb{Z})^\ast ist zyklisch. Sei die Primfaktorzerlegung von nn gegeben durch n=2kp1k1p2k2prkrn = 2^k p_1^{k_1} p_2^{k_2} \cdots p_r^{k_r}.

Nach dem Chinesischen Restsatz gilt für die Gruppe:

(Z/nZ)(Z/2kZ)×(Z/p1k1Z)××(Z/prkrZ)(\mathbb{Z}/n\mathbb{Z})^\ast \cong (\mathbb{Z}/2^k\mathbb{Z})^\ast \times (\mathbb{Z}/p_1^{k_1}\mathbb{Z})^\ast\times \cdots\times(\mathbb{Z}/p_r^{k_r}\mathbb{Z})^\ast

Ein direktes Produkt von endlichen Gruppen ist genau dann zyklisch, wenn alle Faktorgruppen zyklisch sind und ihre Ordnungen paarweise teilerfremd sind.

Die Ordnungen der Faktorgruppen sind:

  • (Z/pikiZ)=ϕ(piki)=piki1(pi1)|\,(\mathbb{Z}/p_i^{k_i}\mathbb{Z})^\ast\,| = \phi(p_i^{k_i}) = p_i^{k_i-1}(p_i-1). Da pip_i eine ungerade Primzahl ist, ist pi1p_i-1 eine gerade Zahl. Die Ordnung ist also gerade.
  • (Z/2kZ)=ϕ(2k)=2k1|\,(\mathbb{Z}/2^k\mathbb{Z})^\ast\,| = \phi(2^k) = 2^{k-1} (für k1k \ge 1).

Analysieren wir nun die Bedingungen für die Zyklizität:

  1. Anzahl der ungeraden Primfaktoren (rr): Wenn r2r \ge 2 (d.h., nn hat mindestens zwei verschiedene ungerade Primfaktoren), dann gibt es mindestens zwei Faktorgruppen (z.B. (Z/p1k1Z)(\mathbb{Z}/p_1^{k_1}\mathbb{Z})^\ast und (Z/p2k2Z)(\mathbb{Z}/p_2^{k_2}\mathbb{Z})^\ast), deren Ordnungen beide gerade sind. Da ihre Ordnungen nicht teilerfremd sind, kann die Gesamtgruppe nicht zyklisch sein. Folgerung: nn kann höchstens einen ungeraden Primfaktor haben, also r1r \le 1. Somit muss nn die Form n=2kpjn=2^k p^j haben.

  2. Analyse der Form n=2kpjn=2^k p^j: Die Gruppe ist (Z/2kpjZ)(Z/2kZ)×(Z/pjZ)(\mathbb{Z}/2^k p^j\mathbb{Z})^\ast \cong (\mathbb{Z}/2^k\mathbb{Z})^\ast\times (\mathbb{Z}/p^j\mathbb{Z})^\ast. Die Ordnungen sind ϕ(2k)=2k1\phi(2^k)=2^{k-1} (für k2k \ge 2) und ϕ(pj)=pj1(p1)\phi(p^j)=p^{j-1}(p-1). Wenn k2k \ge 2, ist ϕ(2k)=2k1\phi(2^k)=2^{k-1} gerade. Da ϕ(pj)\phi(p^j) ebenfalls gerade ist, sind die Ordnungen nicht teilerfremd. In diesem Fall kann die Gruppe nicht zyklisch sein. Folgerung: Wenn nn einen ungeraden Primfaktor hat (j1j \ge 1), dann darf kk nicht größer oder gleich 2 sein. Es bleiben nur k=0k=0 (ergibt n=pjn=p^j) und k=1k=1 (ergibt n=2pjn=2p^j).

  3. Analyse des Falles ohne ungerade Primfaktoren (n=2kn=2^k): Wir müssen prüfen, für welche kk die Gruppe (Z/2kZ)(\mathbb{Z}/2^k\mathbb{Z})^\ast selbst zyklisch ist.

    • k=0n=1k=0 \Rightarrow n=1: (Z/1Z)={1}(\mathbb{Z}/1\mathbb{Z})^\ast = \{1\}, zyklisch.
    • k=1n=2k=1 \Rightarrow n=2: (Z/2Z)={1}(\mathbb{Z}/2\mathbb{Z})^\ast = \{1\}, zyklisch.
    • k=2n=4k=2 \Rightarrow n=4: (Z/4Z)={1,3}(\mathbb{Z}/4\mathbb{Z})^\ast = \{1, 3\}. Mit Erzeuger 3, zyklisch.
    • k3k \ge 3: Die Gruppe (Z/2kZ)(\mathbb{Z}/2^k\mathbb{Z})^\ast ist isomorph zu C2×C2k2C_2\times C_{2^{k-2}}. Da sie das direkte Produkt zweier Gruppen mit gerader Ordnung ist, ist sie nicht zyklisch. Man kann zeigen, dass für jedes Element a(Z/2kZ)a \in (\mathbb{Z}/2^k\mathbb{Z})^\ast gilt: aϕ(2k)/2=a2k21(mod2k)a^{\phi(2^k)/2} = a^{2^{k-2}} \equiv 1 \pmod{2^k}. Es gibt also kein Element der Ordnung ϕ(2k)\phi(2^k).

Damit (Z/nZ)(\mathbb{Z}/n\mathbb{Z})^\ast zyklisch ist, muss nn eine der Formen 1,2,4,pk1, 2, 4, p^k oder 2pk2p^k haben.

\Leftarrow: Wir müssen zeigen, dass für die angegebenen Formen von nn die Gruppe (Z/nZ)(\mathbb{Z}/n\mathbb{Z})^\ast zyklisch ist.

  • Fälle n=1,2,4n=1, 2, 4: Wie oben gesehen, sind die Gruppen (Z/1Z)(\mathbb{Z}/1\mathbb{Z})^\ast, (Z/2Z)(\mathbb{Z}/2\mathbb{Z})^\ast und (Z/4Z)(\mathbb{Z}/4\mathbb{Z})^\ast zyklisch.

  • Fall n=pkn=p^k (pp ungerade Primzahl, k1k \ge 1): Man zeigt, dass es eine Primitivwurzel modulo pkp^k gibt. Der Beweis verläuft in zwei Schritten:

    1. Existenz für n=pn=p: Es ist ein zentraler Satz der Algebra, dass die multiplikative Gruppe eines endlichen Körpers zyklisch ist. Da Z/pZ\mathbb{Z}/p\mathbb{Z} ein endlicher Körper ist, ist die Gruppe (Z/pZ)(\mathbb{Z}/p\mathbb{Z})^\ast zyklisch. Es gibt also eine Primitivwurzel modulo pp.
    2. "Hochheben" von pp auf pkp^k: Man kann zeigen, dass eine Primitivwurzel gg modulo pp (mit einer kleinen Modifikation, falls nötig) auch eine Primitivwurzel modulo pkp^k für alle k1k \ge 1 ist. Genauer gesagt: Wenn gg eine Primitivwurzel modulo pp ist, dann ist entweder gg oder g+pg+p eine Primitivwurzel modulo p2p^2 und damit auch für alle höheren Potenzen pkp^k. Da es einen Erzeuger (eine Primitivwurzel) gibt, ist die Gruppe (Z/pkZ)(\mathbb{Z}/p^k\mathbb{Z})^\ast zyklisch.
  • Fall n=2pkn=2p^k (pp ungerade Primzahl, k1k \ge 1): Wir verwenden wieder den Chinesischen Restsatz: (Z/2pkZ)(Z/2Z)×(Z/pkZ)(\mathbb{Z}/2p^k\mathbb{Z})^\ast \cong (\mathbb{Z}/2\mathbb{Z})^\ast \times (\mathbb{Z}/p^k\mathbb{Z})^\ast Die Gruppe (Z/2Z)={1}(\mathbb{Z}/2\mathbb{Z})^\ast = \{1\} ist die triviale Gruppe mit Ordnung 1. Das direkte Produkt mit einer trivialen Gruppe ändert die Struktur nicht, d.h.: (Z/2pkZ)(Z/pkZ)(\mathbb{Z}/2p^k\mathbb{Z})^\ast \cong (\mathbb{Z}/p^k\mathbb{Z})^\ast Da wir im vorherigen Schritt gezeigt haben, dass (Z/pkZ)(\mathbb{Z}/p^k\mathbb{Z})^\ast zyklisch ist, muss auch (Z/2pkZ)(\mathbb{Z}/2p^k\mathbb{Z})^\ast zyklisch sein.

Theorem 2: Primitivwurzelsatz von Euler

Wenn für einen Modul nn Primitivwurzeln existieren (d.h., wenn (Z/nZ)(\mathbb{Z}/n\mathbb{Z})^\ast eine zyklische Gruppe ist), dann gibt es genau φ(φ(n))\varphi(\varphi(n)) inkongruente Primitivwurzeln modulo nn.

Ist ferner gg eine Primitivwurzel modulo nn, so ist die Menge aller (inkongruenten) Primitivwurzeln modulo nn gegeben durch die Menge:

{gk(modn)1k<φ(n) und ggT(k,φ(n))=1}\{ g^k \pmod{n} \mid 1 \le k < \varphi(n) \text{ und } \text{ggT}(k, \varphi(n)) = 1 \}
Proof

Sei nn eine ganze Zahl, für die eine Primitivwurzel existiert. Die Gruppe G=(Z/nZ)G=(\mathbb{Z}/n\mathbb{Z})^\ast ist demnach eine zyklische Gruppe der Ordnung m=φ(n)m=\varphi(n).

Sei gg eine Primitivwurzel modulo nn. Per Definition ist gg ein Erzeuger von GG, und es gilt ordn(g)=φ(n)\text{ord}_n(g)=\varphi(n). Jedes Element aGa \in G kann somit eindeutig als eine Potenz von gg dargestellt werden, d.h., es existiert ein eindeutiger Exponent k{1,2,,φ(n)}k \in \{1, 2, \dots, \varphi(n)\}, sodass agk(modn)a \equiv g^k \pmod{n}.

Ein zentrales Resultat der Gruppentheorie besagt: Ist hh ein Element der Ordnung mm in einer endlichen Gruppe, so ist die Ordnung seiner Potenz hkh^k gegeben durch die Formel:

ord(hk)=mggT(k,m)\text{ord}(h^k) = \frac{m}{\text{ggT}(k,m)}

Ein Element a=gka=g^k ist genau dann ebenfalls eine Primitivwurzel (also ein Erzeuger von GG), wenn seine Ordnung gleich der Gruppenordnung φ(n)\varphi(n) ist. Wir wenden die Formel auf das Element gg an, dessen Ordnung ordn(g)=φ(n)\text{ord}_n(g)=\varphi(n) ist:

ordn(gk)=ordn(g)ggT(k,ordn(g))=φ(n)ggT(k,φ(n))\text{ord}_n(g^k) = \frac{\text{ord}_n(g)}{\text{ggT}(k, \text{ord}_n(g))} = \frac{\varphi(n)}{\text{ggT}(k, \varphi(n))}

Damit die Gleichung ordn(gk)=φ(n)\text{ord}_n(g^k)=\varphi(n) erfüllt ist, muss der Nenner des Bruchs auf der rechten Seite gleich 1 sein. Dies führt zu der notwendigen und hinreichenden Bedingung:

ggT(k,φ(n))=1\text{ggT}(k,\varphi(n))=1

Die Frage nach der Anzahl der Primitivwurzeln ist nun auf ein reines Zählproblem zurückgeführt: Wie viele Exponenten kk im Bereich 1kφ(n)1 \le k \le \varphi(n) sind teilerfremd zu φ(n)\varphi(n)? Nach der Definition der Eulerschen phi-Funktion ist diese Anzahl exakt φ(φ(n))\varphi(\varphi(n)).

Zur zweiten Aussage:
Da gg eine Primitivwurzel ist, erzeugen seine Potenzen die gesamte Gruppe (Z/nZ)(\mathbb{Z}/n\mathbb{Z})^\ast. Folglich muss jede andere Primitivwurzel hh die Form hgk(modn)h \equiv g^k \pmod{n} für einen Exponenten kk im Bereich 1kφ(n)1 \le k \le \varphi(n) haben. Wie vorher gezeigt wurde, ist ein Element der Form gkg^k genau dann wieder eine Primitivwurzel (d.h., hat die Ordnung φ(n)\varphi(n)), wenn der Exponent kk teilerfremd zur Gruppenordnung φ(n)\varphi(n) ist.

Zusammengenommen bedeutet dies, dass die Menge aller Primitivwurzeln genau die Menge der Potenzen gkg^k ist, deren Exponenten kk die Bedingung ggT(k,φ(n))=1\text{ggT}(k, \varphi(n)) = 1 erfüllen.

Exercise 8: Primitivwurzeln von \langle\mathbb{Z}^*_{13},\cdot\rangle

Bestimme alle Primitivwurzeln der Gruppe Z13,\langle\mathbb{Z}^*_{13},\cdot\rangle.

Solution

Nach Carl F. Gauss gibt es φ(φ(13))=φ(12)=4\varphi(\varphi(13))=\varphi(12)=4 Primitivwurzeln (gcd\gcd 11 haben die Werte 11, 55, 77 und 1111.). Nun suchen wir eine Primitivwurzel durch Ausprobieren: 2122^1\equiv2, 2242^2\equiv4, 2382^3\equiv8, 2432^4\equiv3, 2562^5\equiv6, 26122^6\equiv12, 27112^7\equiv11, 2892^8\equiv9, 2952^9\equiv5, 210102^{10}\equiv10, 21172^{11}\equiv7, 21212^{12}\equiv1 ist also eine Primitivwurzel. Damit sind die Primitivwurzeln 2122^1\equiv2, 2562^5\equiv6, 27112^7\equiv11 und 21172^{11}\equiv7.

Exercise 9: Primitivwurzeln von \langle\mathbb{Z}^*_{17},\cdot\rangle

Bestimmen Sie alle Primitivwurzeln der Gruppe Z17,\langle\mathbb{Z}^*_{17},\cdot\rangle.

Solution

Es gibt φ(φ(17))=φ(16)=8\varphi(\varphi(17))=\varphi(16)=8 Primitivwurzeln (gcd\gcd 11 haben die Werte 11, 33, 55, 77, 99, 1111, 1313 und 1515.). Aus der Tabelle oben entnehmen wir, dass 22 keine, dafür aber 33 eine Primitwurzel ist. Also sind die Primitivwurzeln von Z17\mathbb{Z}^*_{17}: 3133^1\equiv3, 33103^3\equiv10, 3553^5\equiv5, 37113^7\equiv11, 39143^9\equiv14, 31173^{11}\equiv7, 313123^{13}\equiv12 und 31563^{15}\equiv6.

Exercise 10: Primitivwurzeln von \langle\mathbb{Z}^*_{31},\cdot\rangle

Bestimmen Sie alle Primitivwurzeln der Gruppe Z31,\langle\mathbb{Z}^*_{31},\cdot\rangle.

Solution

Hier haben wir φ(φ(31))=φ(30)=8\varphi(\varphi(31))=\varphi(30)=8 (11, 77, 1111, 1313, 1717, 1919, 2323, 2929). 22 ist wegen 2512^5\equiv1 keine Primitivwurzel. 33 entpuppt sich als Primitivwurzel, und wir haben somit 33, 1111, 1212, 1313, 1717, 2121, 2222, 2424 als solche in Z31\mathbb{Z}_{31}^*.

Exercise 11: 🧩

Wie viele Primitivwurzeln hat die multiplikative Restklassengruppe Z73,\langle \mathbb{Z}^*_{73},\cdot\rangle?

Solution

Nach Gauss gibt es φ(φ(73))\varphi(\varphi(73)) Primitivwurzeln. Das sind

φ(φ(73))=φ(72)=72(112)(113)=7213=24\varphi(\varphi(73))=\varphi(72)=72\cdot(1-\frac{1}{2})\cdot(1-\frac{1}{3})=72\cdot\frac{1}{3}=24