Natürliche Zahlen

Note 1: Hinweise zum Skript
  • Die meisten Übungen sind zur Selbstkontrolle geeignet. Zu fast allen Aufgaben gibt es zusätzliche Notizen (graues Augensymbol).
  • Mit 🧩 gekennzeichnete Aufgaben sind eher anspruchsvoll.
  • Graphische Darstellungen können bequem mit GeoGebra erstellt werden.
  • Die angegebenen Links verweisen meist auf Video-Kommentare zu den jeweiligen Abschnitten.
  • Weitere Kommentare sind auf ▶️ gym math verfügbar. Eine Suche nach Jorma Wassmer in Verbindung mit einem mathematischen Stichwort liefert in der Regel direkte Treffer.

Legen wir also los mit den natürlichen Zahlen.

Historisches

Alles ist Zahl.

Diese Aussage stammt von Pythagoras, dem berühmten griechischen Mathematiker und Philosophen, der um 550550 v. Chr. lebte. Auf Anraten von Thales (624624546546 v. Chr.) soll er in jungen Jahren eine längere Studienreise nach Ägypten unternommen haben, um dort die vorhandenen Wissensschätze kennenzulernen. Nach Pythagoras sollte das menschliche Leben geordnet und harmonisch verlaufen – so, wie es die Zahlenverhältnisse in der Natur offenbaren. Dieses Verständnis verdichtet sich in seinem Ausspruch „Alles ist Zahl“: Er betrachtete die Zahlen als eine die gesamte Natur konstituierende Kraft.

Die Menge der natürlichen Zahlen

Note 2

Die natürlichen Zahlen

N:={1,2,3,4,}\mathbb{N}:=\{1,2,3,4,\ldots\}

sind die beim Zählen seit jeher verwendeten Zahlen. Mit ihnen kann man eine Menge durchnummerieren. Die natürlichen Zahlen haben einen Anfang, nämlich die 11, aber kein Ende. Das Symbol für die Unendlichkeit lautet

\infty

Die Null wird hier nicht zu den natürlichen Zahlen gezählt. Schließt man sie jedoch ein, so schreibt man N0\mathbb{N}_0.

Note 3

Auf N\mathbb{N} sind die Grundoperationen Addition und Multiplikation abgeschlossen, d. h. auch das Ergebnis liegt stets wieder in N\mathbb{N}.

Note 4

Zur Veranschaulichung der natürlichen Zahlen eignet sich der Zahlenstrahl.

Eine saubere Fundierung der natürlichen Zahlen gelang im 19.Jahrhundert. Ein bedeutender Beitrag dazu stammte von Georg Cantor, dem die Einbindung des Unendlichen, \infty, gelang. Er schuf mit der Mengenlehre ein Fundament, in dem einerseits die natürlichen Zahlen sicher eingebettet sind, aber auch der Begriff des Unendlichen nicht mit ihnen in Widerspruch gerät.

Exercise 1: Axiome von Peano

Die Axiome der natürlichen Zahlenmenge von Giuseppe Peano (1889) lauten wie folgt:

  1. 11 ist eine natürliche Zahl.
  2. Jede natürliche Zahl nn hat eine natürliche Zahl nn' als Nachfolger.
  3. 11 ist kein Nachfolger einer natürlichen Zahl.
  4. Natürliche Zahlen mit gleichem Nachfolger sind gleich.
  5. Enthält eine Menge M\mathbb{M} die Zahl 11 und mit jeder natürlichen Zahl nn auch stets deren Nachfolger nn', so enthält M\mathbb{M} bereits alle natürlichen Zahlen. (Ist M\mathbb{M} dabei selbst eine Teilmenge der natürlichen Zahlen, dann ist M\mathbb{M} gleich der Menge der natürlichen Zahlen.)

Überzeuge dich davon, dass keines der fünf Axiome weggelassen werden darf und lass dabei Axiom 55 unberührt.

Was passiert, wenn man eines der ersten vier Axiome weg lässt? Gib Beispiele an.

Solution

Lässt man beispielsweise 1 weg, so fehlt die ausgezeichnete Startzahl, von der aus die Konstruktion überhaupt beginnt. Damit kann die gesamte Nachfolgerstruktur nicht in Gang gesetzt werden.

Fehlt Axiom 2, so hätte nicht jede natürliche Zahl einen Nachfolger. Damit wäre es nicht möglich, alle (unendlich vielen) natürlichen Zahlen zu erzeugen. Beispielsweise wäre N={1,2,3}\mathbb{N}=\{1,2,3\} möglich.

Fehlt Axiom 3, so könnte man einen Zyklus bilden, indem man beispielsweise 11 als Nachfolger der 22 nimmt: 1,2,1,2,1,2,1,2,1,2,1,2,\dots. Damit gäbe es keine wohldefinierte Abfolge von Zahlen.

Verzichtet man auf Axiom 44, dann wäre es denkbar, dass zwei verschiedene natürliche Zahlen nmn\neq m den gleichen Nachfolger hätten. Zum Beispiel: 1,3,2,3,21,3,2,3,2\dots.

Mit von Neumanns Konstruktion bekommt man ein konkretes Modell der Peano-Axiome in der Mengenlehre.

Exercise 2: N_0 nach von Neumann

John von Neumann definierte die natürlichen Zahlen N0\mathbb{N}_0, wobei wir hier die Null dazu zählen, auf mengentheoretischer Basis rekursiv wie folgt. Man beginnt mit der leeren Menge, {  }\{\;\}. Die folgende Menge bestehe aus der Menge, die alle vorangegangenen Mengen als Elemente enthält. Formaler: Der Nachfolger der Menge M\mathbb{M} ist

M=M{M}.\mathbb{M}'=\mathbb{M}\cup\{\mathbb{M}\}.

Fährt man so immer fort, kriegt man eine Liste der natürlichen Zahlen N0\mathbb{N}_0. Nämlich, wenn man die Anzahl Elemente der entsprechenden Mengen M\mathbb{M} zählt, card(M)\text{card}(\mathbb{M}).

Sei also 0:={  }0:=\{\;\}. Wie schreibt sich dann die nächste natürliche Zahl 11?

Solution

Die 11 ist dann die Menge mit der 0={  }0=\{\;\}, also 1={{  }}1=\{\{\;\}\}. Beachte, dass die leere Menge kein Element enthält, jedoch die 11 die leere Menge enthält, also ein Element.

Note 5

Mit dieser Konstruktion ist also eine natürliche Zahl gegeben durch

n={0,1,2,3,,n1}.n = \{0,1,2,3,\dots,n-1\}.

Daraus ergibt sich auch, dass die Relation "\in" die Ordnungsrelation "<<" verkörpert.

Example 1
2={0,1}={,{}}2 = \{0,1\} = \{\emptyset,\{\emptyset\}\}

und daher 2\emptyset\in2 und {}2\{\emptyset\}\in2; geschenkt nun 0<20<2 und 1<21<2.