Primzahlen

Note 1

Die Menge der natürlichen Zahlen wird mit

N:={1,2,3,}\mathbb{N} := \{1,2,3,\dots\}

abgekürzt.

Unter den natürlichen Zahlen gibt es solche, die jedem Divisionsversuch mit einem natürlichen Divisor, der zwischen 11 und der Zahl selbst liegt, widerstehen. Solche – in diesem Sinne teilerlose – Zahlen werden Primzahlen genannt.

Definition 1: Teiler

Seien a,bZa, b \in \mathbb{Z} mit b0b \neq 0.
bb ist ein Teiler von aa, wenn es ein cZc \in \mathbb{Z} gibt, so dass

a=bca = b \cdot c

gilt.
Man schreibt bab\mid a.

Definition 2: Primzahl

Eine Zahl pNp\in\mathbb{N} heisst Primzahl, wenn pp genau zwei verschiedene, natürliche Teiler hat.

P:={2,3,5,7,11,13,17,19,23,}\mathbb{P} := \{2,3,5,7,11,13,17,19,23,\dots\}
Note 2

Beachte, dass 11 per Definition keine Primzahl ist!

Primfaktorzerlegung

Exercise 1: Primfaktorzerlegung

Zerlege die Zahlen 210210, 541541, 17711'771, 75717'571, 198000198'000 und 234600234'600 in ihre Primfaktoren.

Solution

210=2357210 = 2\cdot3\cdot5\cdot7

541541 ist prim.

1771=711231771 = 7\cdot11\cdot23

7571=671137571=67\cdot113

198000=24325311198000 = 2^4\cdot3^2\cdot5^3\cdot11

234600=233521723234600=2^3\cdot3\cdot5^2\cdot17\cdot23

Primzahlen sind die Bausteine der natürlichen Zahlen. Dies besagt der folgende Satz, den ich gerne als Satz der "DNA der natürlichen Zahlen" bezeichne.

Theorem 1: Fundamentalsatz der Arithmetik

Jede natürliche Zahl grösser 11 lässt sich eindeutig, bis auf die Reihenfolge der Faktoren, als Produkt von Primzahlen darstellen.

Proof

BWoC: Falls die Primfaktorzerlegung in N{1}\mathbb{N}\setminus\{1\} nicht eindeutig wäre, dann gäbe es eine kleinste Zahl nN{1}n\in\mathbb{N}\setminus\{1\}, die auf mindestens zwei Arten darstellbar wäre:

n=p1pr=q1qs.n=p_1\cdot\ldots\cdot p_r=q_1\cdot\ldots\cdot q_s.

Da nn das kleinste Beispiel ist, sind alle piqjp_i\neq q_j für alle i,ji,j in ihren Indexmengen. Ausserdem können wir OEdA annehmen, dass die Faktoren der Grösse nach sortiert seien (Wohlordnung von N\mathbb{N}) und p1q1p_1\neq q_1 mit p1+1q1np_1+1\leq q_1\leq\sqrt{n}.

Betrachte nun m:=np1q1m:=n-p_1q_1 mit n<m<n\sqrt{n}<m<n. Beachte, dass m<nm<n eine eindeutige Primfaktorzerlegung hat. Aus

m=p1(p2prq1)=q1(q2qsp1)m=p_1\cdot(p_2\cdot\ldots\cdot p_r-q_1)=q_1\cdot(q_2\cdot\ldots\cdot q_s-p_1)

folgt p1(q2qsp1)p_1|(q_2\cdot\ldots\cdot q_s-p_1), also p1(q2qs)p_1|(q_2\cdot\ldots\cdot q_s). Weil aber für Zahlen kleiner nn die Primfaktorzerlegung eindeutig ist, muss p1=qjp_1=q_j für ein j1j\neq1; im Widerspruch zu p1qjp_1\neq q_j j\forall j.

Sieb von Eratosthenes

Der alexandrinische Bibliothekar, Mathematiker und Geograph Eratosthenes (276-194 BC), der als erster einen ausgezeichneten Wert für den Umfang der Erde ermittelt hat, kannte bereits ein einfaches Verfahren, um die Primzahlen schrittweise aus der Reihe der natürlichen Zahlen heraus zu filtern: das Sieb des Eratosthenes.

Betrachten wir die Primzahlen kleiner 100100:

2, 3, 5, 7, 11, 13, 17, 19, 23, 29, 31, 37, 41, 43, 47, 53, 59, 61, 67, 71, 73, 79, 83, 89, 97

Auffallend ist, dass die Primzahlen scheinbar zufällig über N\mathbb{N} verteilt sind. Zudem gibt es Primzahlen, die sich als Paar um eine einzige Zahl schmiegen, wie zum Beispiel 1111 und 1313, 1717 und 1919, 2929 und 3131 oder 5959 und 6161. Die von einem solchen Primzahlzwilling eingeschlossene Zahl besitzt immer viele Teiler, auf jeden Fall den Teiler 66.

Exercise 2: 🧩

Seien pp und p+2p+2 prim. Beweise, dass die Zahl zwischen einem Primzahlzwilling (pp+2)(p\mid p+2) durch 66 teilbar ist.

Solution

Für (35)(3\mid 5) stimmt die Aussage nicht. Lassen wir also diesen Fall ausser betracht.

Da 22 die einzige gerade Primzahl ist, muss die Zahl zwischen einem Primzahlzwillinge gerade sein. Betrachte für kNk\in\mathbb{N} die Kette

6k26k16k6k+16k+26k+3.6k-2\quad 6k-1\quad 6k\quad 6k+1\quad 6k+2\quad 6k+3.

Damit werden für kNk\in\mathbb{N} alle natürlichen Zahlen grösser 33 durchlaufen. 6k26k-2 und 6k6k, sowie 6k6k und 6k+26k+2 und 6k+16k+1, 6k+36k+3 können keine Primzahlzwillinge sein. Also kommt als Primzahlzwilling in dieser Kette nur (6k16k+1)(6k-1\mid 6k+1) in Frage. Offensichtlich ist 6k6k durch 66 teilbar.

Es ist übrigens nicht bekannt, ob es endlich oder unendlich viele Primzahlzwillinge gibt.

Exercise 3: Primzahldrillinge

Gibt es Primzahldrillinge, also Zahlentrippel mit pp, p+2p+2 und p+4p+4 alle prim?

Solution

Es gibt nur das Tripel (357)(3\mid 5\mid 7). Denn jedes weitere Tripel würde ungerade Zahlen enthalten, wobei sicher eine davon durch 33 teilbar wäre, da jede dritte ungerade Zahl durch 33 teilbar ist.

Man kann dies auch formal einsehen: Wäre (pp+2p+4)(p\mid p+2\mid p+4) mit p>3p>3 ein weiteres Tripel, so dürfte pp nicht durch 33 teilbar sein. Es gälte also pmod31p\mod{3}\equiv1 oder pmod32p\mod{3}\equiv2. Sei pmod31p\mod{3}\equiv1, dann ist aber p+2mod30p+2\mod{3}\equiv0 durch 33 teilbar, also keine Primzahl. Gälte pmod32p\mod{3}\equiv2, so wäre p+4mod30p+4\mod{3}\equiv0 durch 33 teilbar. Somit ist (357)(3\mid 5\mid 7) der einzige Primzahldrilling.

Note 3

Die Abstände zwischen aufeinanderfolgenden Primzahlen – also die Anzahl der nichtprimen Zahlen zwischen zwei Primzahlen – fallen sehr unterschiedlich aus. Mit zunehmender Grösse der Zahlen treten neben kleinen auch immer grössere Lücken auf.

Daraus ergibt sich die Frage:

Ist die Menge der Primzahlen endlich? Gibt es eine grösste Primzahl?

Die Antwort auf diese Frage lieferte bereits um 350BC350\,\text{BC} Euklid mit einem indirekten Beweis.

Exercise 4: 🧩

Zeige, dass es unendlich viele Primzahlen gibt.

Solution

Gegenannahme: Es gebe endlich viele Primzahlen und daher gebe es eine grösste, die wir pp nennen. Wir betrachten die Menge dieser endlich vielen Primzahlen

{2,3,5,7,11,,p}.\{2,3,5,7,11,\dots,p\}.

Wir basteln daraus die Zahl

235711p+1=:z.2\cdot3\cdot5\cdot7\cdot11\cdot\dots\cdot p+1=:z.

Diese Zahl zNz\in\mathbb{N} ist sicher grösser als pp und sie ist auch prim. Denn beispielsweise hat man z÷7=23511p+1z\div 7=2\cdot3\cdot5\cdot11\cdot\dots\cdot p+1, d.h. z=723511p+1z=7\cdot2\cdot3\cdot5\cdot11\cdot\dots\cdot p+1 hat bei Division mit 77 Rest 11. Und dies gilt analog für alle Primzahlen in unserer Menge

{2,3,5,7,11,,p}.\{2,3,5,7,11,\dots,p\}.

Dies widerspricht der Annahme, dass pp die grösste Primzahl sei, denn z>pz>p ist prim. Also muss das Gegenteil unserer Annahme gelten: Es gibt unendlich viele Primzahlen.

Dichte von Primzahlen

Deutlich ist, dass die Primzahlen im allgemeinen mit wachsenden Zahlenwerten weniger häufig auftreten. Aber auch diese Gesetzmässigkeit wird durchbrochen. So finden wir in den ersten Hunderter-Blöcken die folgenden Anzahlen Primzahlen:

Primzahlen und ihre Verteilung
11 bis 100100 101101 bis 200200 201201 bis 300300
2525 2121 1616
301301 bis 400400 401401 bis 500500 501501 bis 600600
1616 1717 1414
601601 bis 700700 701701 bis 800800 801801 bis 900900
1616 1414 1515
901901 bis 10001000
1414

Das erste Tausend weist also 168168 Primzahlen auf, was etwa 16\tfrac{1}{6} aller natürlichen Zahlen dieses Intervalls entspricht. In den ersten 30003000 finden sich etwa 17\tfrac{1}{7}, und unter den ersten 1000010\,000 treffen wir auf rund 18\tfrac{1}{8}. Die Dichte nimmt also scheinbar ab. (Primzahldichte kommentiert)

Primzahlen im Internet

Primzahlen im Internet

Die Suche nach schnellen Verfahren zum Auffinden von Primzahlen dauert bis zum heutigen Tag an; und das nicht nur aufgrund des Reizes, den sie seit jeher auf die Menschen ausgeübt haben. Über zweitausend Jahre lang wusste man keinen praktischen Nutzen aus dem Wissen über die Primzahlen zu ziehen. Dies änderte sich allerdings schlagartig mit dem Aufkommen des elektronischen Datenverkehrs, als Primzahlen zum Verschlüsseln von Informationen eine zentrale Rolle zu spielen begannen.

Die Güte einer Geheimsprache besteht einerseits darin, Botschaften ohne grossen Aufwand in Geheimschrift umschreiben (chiffrieren) zu können, andererseits darin, die Schwierigkeit für Uneingeweihte eine geheime Botschaft zu knacken (dechiffrieren), ins Unermessliche zu steigern. Solch asymmetrische Eigenschaften trifft man beim Rechnen mit Primzahlen an:

Note 4

Es ist relativ einfach, das Produkt von zwei grossen Primzahlen zu berechnen, aber nahezu unmöglich, dieses Produkt wieder in seine Faktoren zu zerlegen.

Das Verschlüsseln einer Botschaft läuft heute tatsächlich auf die Multiplikation zweier sehr grosser Primzahlen hinaus, während das Entschlüsseln im Wesentlichen aus dem Faktorisieren dieses Produkts besteht (ausprobieren). Bis dato hat man noch keinen schnellen Algorithmus zur Faktorisierung eines Produkts zweier grosser Zahlen gefunden. Ja, man weiss sogar nicht einmal, ob ein solcher überhaupt existiert.

Übungen zu N\mathbb{N} und Primzahlen

Exercise 5: Primzahlformel

Was taugen die folgenden Formeln als Primzahlerzeuger? Dabei steht stets pp für eine Primzahl und nn für eine natürliche Zahl.

a) za=2p1z_a=2^p-1

b) zb=2p+1z_b=2^p+1

c) zc=n2n+41z_c=n^2-n+41

Solution

a) p=6p=6 liefert 63=32763=3^2\cdot7.

b) p=3p=3 liefert 9=329=3^2.

c) n=41n=41 liefert sicher keine Primzahl, weil zc(41)=412z_c(41)=41^2.

Exercise 6: 🧩

Wähle 55 gerade Zahlen zwischen 33 und 10001000. Versuche jeder dieser Zahlen als Summe von zwei Primzahlen darzustellen (Stichwort Goldbach'sche Vermutung). Wie lautet deine Vermutung? Beweise sie!

Solution

Beispiele sind 4=2+24=2+2, 6=3+36=3+3, 8=3+58=3+5, 10=3+710=3+7. Beachte, dass die Zerlegung nicht eindeutig sein muss. Beispielsweise ist 10=3+7=5+510=3+7=5+5 oder 20=3+17=7+1320=3+17=7+13.

Bis dato konnte die Goldbach-Vermutung nicht bewiesen werden.

Sidenote: Dem Russen Winogradow gelang mittels statistischer Methoden über die Primzahlen um 1937 der Beweis, dass sich jede "genügend" grosse, ungerade Zahl als Summe von drei Primzahlen schreiben lässt.

Exercise 7: Primzahllücken

Es gibt "Primzahllücken" beliebiger Grösse. Man definiert für nNn\in\mathbb{N} den Ausdruck n!:=123nn!:=1\cdot2\cdot3\cdot\dots\cdot n und sagt "nn Fakultät".

a) Sind unter den Zahlen 5!+15!+1, 5!+25!+2, 5!+35!+3, 5!+45!+4 und 5!+55!+5 Primzahlen?

b) Welche der Zahlen 47!+1,47!+2,47!+3,,47!+4747!+1, 47!+2, 47!+3,\dots,47!+47 sind sicher nicht prim?

Solution

a) 5!+1=121=1125!+1=121=11^2, 5!+2=1225!+2=122 ist gerade, 5!+3=123=3415!+3=123=3\cdot41, 5!+45!+4 ist gerade, 5!+5=125=535!+5=125=5^3 sind alle nicht prim.

b) Für 47!+147!+1 ist ohne Hilfsmittel aufwändig zu beurteilen, ob sie prim ist oder nicht. Hingegen 47!+2=12347+2=2(1347+1)47!+2=1\cdot2\cdot3\cdot\dots\cdot47+2=2\cdot(1\cdot3\cdot\dots\cdot47+1). Analog 47!+3=12347+3=3(12447+1)47!+3=1\cdot2\cdot3\cdot\dots\cdot47+3=3\cdot(1\cdot2\cdot4\cdot\dots\cdot47+1). Das heisst, alle Zahlen 47!+247!+2, 47!+347!+3, \dots, 47!+4747!+47 sind sicher nicht prim.

Exercise 8: Double Triple

Nimm eine dreistellige Zahl und notiere sie zweimal hintereinander, so dass eine sechstellige Zahl entsteht. Teile diese Zahl nacheinander durch 77, 1111 und 1313.

a) Was fällt auf?

b) Erkläre das "Phänomen".

Solution

a) Man kriegt wieder diejenige dreistellige Zahl, die man sich ausgedacht hat.

b) Multiplikation mit 71113=10017\cdot11\cdot13=1001 schreibt eine dreistellige Zahl zweimal hintereinander.

Exercise 9: Nicht durch 4 teilbar

Zeige, dass die Summe von vier aufeinander folgenden natürlichen Zahlen niemals ein Vielfaches von 44 sein kann.

Solution

In der Tat ist für beliebig gewähltes nNn\in\mathbb{N} die Summe von vier aufeinander folgenden natürlichen Zahlen n+(n+1)+(n+2)+(n+3)=4n+6=4(n+1)+2n+(n+1)+(n+2)+(n+3)=4n+6=4\cdot(n+1)+2 immer (n+(n+1)+(n+2)+(n+3))mod42(n+(n+1)+(n+2)+(n+3))\mod{4}\equiv2, hat also Rest 22 bei Division mit 44.

Exercise 10: 🧩

Vier aufeinanderfolgende natürliche Zahlen werden miteinander multipliziert und zum Produkt 11 addiert.

a) Stelle einige konkrete Berechnungen an.

b) Formuliere eine Vermutung und beweise diese.

Solution

a) Beispielsweise hat man 1234+1=25=521\cdot2\cdot3\cdot4+1=25=5^2, 2345+1=121=1122\cdot3\cdot4\cdot5+1=121=11^2 oder 10111213+1=17161=131210\cdot11\cdot12\cdot13+1=17\,161=131^2.

b) Man kriegt eine Quadratzahl. In der Tat: Sei xNx\in\mathbb{N}. x(x+1)(x+2)(x+3)+1=(x2+x)(x2+5x+6)+1=x4+6x3+11x2+6x+1=(x2+3x+1)2x(x+1)(x+2)(x+3)+1=(x^2+x)(x^2+5x+6)+1=x^4+6x^3+11x^2+6x+1=(x^2+3x+1)^2.

Exercise 11: Teilbarkeit von Quadratzahlen

Suche Quadratzahlen, welche bei der Division durch 33 den Rest 22 lassen. Solltest du keine derartige Zahl finden, so versuche zu beweisen, dass es keine Quadratzahl gibt, die bei der Division durch 33 den Rest 22 lässt.

Solution

Man kriegt bei der Division durch 33 nie den Rest 22. Einige Beispiele: 12mod311^2\mod{3}\equiv1, 22mod312^2\mod{3}\equiv1, 32mod303^2\mod{3}\equiv0 oder 42mod314^2\mod{3}\equiv1.

In der Tat: Betrachte für nNn\in\mathbb{N} die Kette

3n2,3n1,3n,3n-2,3n-1,3n,

welche für nNn\in\mathbb{N} alle natürlichen Zahlen durchläuft. Die Quadrate (3n2)2=9n212n+4=3(3n24n+1)+1(3n-2)^2=9n^2-12n+4=3\cdot (3n^2-4n+1)+1 und (3n1)2=9n26n+1=3(3n22n)+1(3n-1)^2=9n^2-6n+1=3\cdot(3n^2-2n)+1 haben offensichtlich Rest 11 bei Division mit 33. Das Quadrat 9n2=33n29n^2=3\cdot3n^2 hat Rest 00 bei Division durch 33. Daher kann keine Quadratzahl bei Division durch 33 Rest 22 haben.